Datum: 8. 1. 2000
Zeit: 17.30 bis 23.00 Uhr
Ort: Ebenwaldhöhe
Instrument: 12" LX-200
Bedingungen: Nahezu optimal. Anfangs noch Wolkenreste, dann wolkenlos. Kein Wind, Temperatur ca. -3°C. Durchsicht 1++, Aufhellung 1+ (wegen des dichten Nebels im Tal kaum störendes Streulicht), Seeing 1+. Was will man eigentlich mehr? Ach so, mehr solcher Nächte natürlich!
Beobachter: Alexander Pikhard (12" LX-200), Daniela Pikhard; weitere Beobachter: Tahir Saban, Hans Peter Müllner + Pia Strnadl (eigener Bericht), Walter Koprolin, Howdii, zwei Beobachter von der ÖAA und einige von Antares.
Wien im Jänner: Grau in grau, eisig. Eigentlich so scheußlich, daß man nicht ans Beobachten denkt - wären da nicht die Wetterberichte und Livebilder, die traumhafte Schipisten unter stahlblauem Himmel zeigen - gar nicht so weit weg von Wien. Ein Blick auf das Satellitenbild: Unbrauchbar. Was ist da Nebel und was Wolken und wie hoch liegen diese Strukturen? Ein Anruf in St. Pölten bei Antares: Die Straße auf die Ebenwaldhöhe ist gut befahrbar. Geräumt, gestreut, kein Problem. Also riskieren wir's. In Kleinzell blinzelt Jupiter zwischen zwei Nebelschwaden durch. Hoffnung. Oben angekommen - die Straße war wirklich gut befahrbar, mit etwas Eis unter einer zentimeterdicken Schicht von Rollsplitt, reißt die Nebeldecke gerade auf. Sterne, mehr Sterne, noch mehr - durch!
Jupiter: (i) ca. 18 Uhr [P 21mm, Blaufilter]: NEB und SEB exzellent, NTB, STB, EZ unruhig mit einigen Störungen, NEBs zwei markante Ausbuchtungen, SEBn ebenso, NTB, NNTB, STB. EZ auffällig dunkel. [P14, Blau]: Störungen in der EZ deutlicher, NEB und SEB bräunlich, EZ gelblich. EZ Mitte zum NEB ein länglicher weißer Fleck, der das NEB etwas eindrückt (BAY). (ii) ca. 22 Uhr: [P 14mm] Mittlerweile ist der GRF da; das SEB ist in der Scheibenmitte fast unterbrochen, nördlich des GRF läuft es ganz schmal weiter, mit einigen Störungen. Wieder ist der GRF von einem sehr hellen Gebiet umgeben, er selbst ist aber etwas dunkler als dieses Gebiet und mit Phantasie wirklich ganz zart lachsrot. NTB ist sehr deutlich, NNTB andeutungsweise, NPR wirkt grau und körnig. SPR wenig Struktur. [P 7mm und leichter Violettfilter]: Phantastisch! Jetzt kommen die Farben so richtig deutlich heraus und in Momenten ruhigen Seeings sieht man den Planeten wie auf einem Foto! Im NEB und NTB sind einige Störungen zu erkennen, in der SPR eine feinkörnige Struktur, NNTB und N3TB sind angedeutet. Wieder vergehen viele Minuten beim Genießen dieses besonderen Anblicks. So etwas sieht man nicht alle Tage!
Saturn: (i) ca. 18.30 Uhr: [P14, blau]: Cassini-Teilung durchgehend, SEB breit und dunkel, EZ sehr hell, C-Ring angedeutet, Planetenschatten auf Ring deutlich, auch der Ringschatten am Saturn ist heute sehr gut zu sehen. (ii) ca. 22.30 Uhr: [P7, leichtviolett] die Wolkenstrukturen auf dem Planeten kommen jetzt ganz deutlich, auch die Schatten. Der C-Ring sieht jetzt rotgrau aus und im A-Ring sind jetzt Strukturen zu erkennen, der radiale Helligkeitsverlauf ist nicht mehr konstant, es gibt Variationen.
M45 [P40] sehr schön! Die blauen, diffusen Höfe um die hellen Sterne sind heute aber auf ganz leichten Dunst zurückzuführen, der in Bodennähe liegt und uns noch viel Kummer machen wird.
Ein Schwerpunkt heute: Nebel und andere Deep Sky Objekte in Auriga und Umgebung (da kamen einige interessante Tips von Howdii und Walter). [P40, UHC] NGC1514: Um einen recht hellen Stern eine kreisrunde, diffuse Hülle ohne Details. Sehr deutlich. NGC1554 (Hind's Variable um T Tauri): Da gehört Phantasie dazu, ein schwacher, unregelmäßig geformter Nebel umgibt den bekannten Veränderlichen. NGC1647 [P40] prächtiger Sternhaufen in Tau, helle Sterne, füllt ganzes Gesichtsfeld aus, und das ist immerhin ein Grad. NGC1746 ebenso, sehr helle Sterne, sprengt ebenfalls das Gesichtsfeld. NGC1579, ein kleiner diffuser Nebel im Südteil des Perseus, deutlich. NGC1778, kleiner lockerer Haufen im Fuhrmann. NGC1985 sehr klein, rund, diffus, deutlich. NGC1893 kleiner, dichter, offener Sternhaufen in einer sternreichen Umgebung. Diffuser Hintergund? - Ja! Es ist IC410. Noch ein paar Tips von Howdii: IC405 [P40, UHC] deutlich; großer, unförmiger, diffuser Nebel. Und wenn man IC410 von der richtigen Seite angeht - er ist sehr groß - erkennt man auch eine große, diffuse Hülle um eine Gruppe von Sternen.
M38 [P40] füllt rund das halbe Gesichtsfeld mit feinen, schwachen Sternchen und hat eine interessante Konzentration zur Mitte mit einigen Sternreihen. M36 ist etwas kleiner, konzentrierter, hat etwas hellere Sterne als M38. M37 - !!! - sehr viele schwache Sterne füllen fast das ganze Gesichtsfeld aus, das Zentrum ist sehr dicht, die Sterne sind gleichmäßig hell und relativ schwach. Ein traumhafter Anblick! M35 ist traumhaft, das halbe Gesichtsfeld ist voll mit schwachen Sternen, auch der nahe gelegene kleine Haufen NGC2158 ist sehr hell und bereits im P40 aufgelöst. NGC2392 - der Eskimo-N. - ist sehr deutlich.
M1 [P40] Form ist recht deutlich, sehr hell, deutlich abgehoben.
Und jetzt zum Orion:
M42 [P40] - !!! - Heute braucht man keinen UHC-Filter! Ein grandioser Anblick, und es vergehen sicher einige stille, geradezu meditative Minuten, denn dieses Objekt unter diesen Bedingungen muß man einfach einwirken lassen. Plastisch, kontrastreich, zum Greifen nahe sind eigentlich nur ungeeignete Beschreibungen. An besten noch: Wie ein Flugsaurier mit weit ausgebreiteten Schwingen. Unzählige feine Details kommen im Kern, in den Ausläufern und in benachbarten Nebelregionen heraus. Und wie gesagt: Heute ist der Kontrast so hoch, daß der UHC-Filter getrost im Koffer bleiben kann. [P14]: Trapez (Sechsfachstern Theta1 Ori) stark herausvergrößert, und heute ist es kein wesentliches Problem, alle 6 Trapzesterne zu erkennen. Der 5. (E) ist ohne Probleme leicht zu erkennen, er steht zwischen Theta1-A und Theta1-B. Theta1-AE ist 6,7/11,1/4,1"; der 6. (F) ist schwieriger, da er nahe an Theta1-C, dem hellsten Trapezstern, steht, aber blickweise ist auch er zu erkennen. Theta1-CF ist 5,1/11,5/4,0" also eine recht schwierige Situation. Tolles Seeing! Bei dieser starken Vergrößerung kommen zahllose Details im Zentraum des großen Nebels heraus, aber auch im Zentrum des benachbarten M43 sind einige dunkle Filamente zu erkennen.
Bei einem Objekt hilft der UHC-Filter aber doch: NGC1973-75-77, die Nebel sind deutlich zu erkennen, auch ohne Filter, schließt einen markanten Dunkelnebel ein, den Ape-Man oder Running Man-N., der mit dem UHC-Filter [P40] bei indirektem Sehen gut zu erkennen ist.
M78 [P40, UHC] ganz deutlich, auch der kleinere Nebel NGC2067 ist gut zu erkennen.
NGC2024 (Flame-N.) ist heute sehr deutlich zu erkennen, auch wenn Zeta Ori noch im Gesichtsfeld ist. Dunkelstruktur ist auch ohne UHC-Filter sehr gut zu erkennen. Und jetzt wird's spannend - in einer so guten Nacht muß man den Versuch einfach wagen. Etwas nach Süden ... NGC2023 und IC435, die beiden kleinen Reflexionsnebel sind gut zu sehen. Und links davon - zeichnet sich eine längliche, ganz schwache, diffuse Struktur ab. IC434, und wenn man indirekt schaut, dann ist dort, wo nichts ist - der Pferdekopf! Ganz zart angedeutet und an der Grenze des Wahrnehmbaren, aber da - wie mir Walter bestätitgt hat, da ist irgendwas! Mit 1 : 10 und ohne Filter - das geht nur in der Nacht der Nächte!
NGC1999 in der Nähe von M42, ein kleiner Reflexionsnebel, ist deutlich. Um einen helleren Stern eine unförmige, diffuse Hülle. Weiter in ein Feld im südwestlichen Monoceros, das reich an kleinen Reflexionsnebeln ist: NGC2170 sehr deutlich, leicht unförmig, daneben gleich ein zweiter kleiner Nebel. NGC2185 ist andeutungsweise zu erkennen. Weiter nach Norden. NGC2261 (Hubble's Var. N.) ist deutlich, und natürlich auch der Rosetten-Nebel (NGC2237-39) mit dem Sternhaufen NGC2244. Dieser Nebel füllt einige Gesichtsfelder.
M79 (tief) klein, diffuser Kern, am Rand aufgelöst. Der einzige Kugelsternhaufen in der Region. M67 ist sehr hübsch, kleiner, konzentrierter Haufen, der sich gut von der sternarmen Umgebung abhebt.
Zum Abschluß noch in andere Regionen:
M33 ist sehr schön, die Spiralarme sind deutlich, auch die HII-Region NGC604 ist sehr deutlich, auch NGC595 ist zu erkennen. M31 ist vor allem im Feldstecher ein Erlebnis, im Fernrohr sind NGC206, M110 und vor allem M32 sehr deutlich. h+Chi ist ebenfalls ein toller Anblick.
M81 [P21] ist wunderschön! Um einen kleinen, hellen Kern erkennt man eine große, längliche, diffuse Scheibe, die fast bis zum Rand des Gesichtsfelds (1/2°) reicht. M82 ist groß, hell und deutlich erkennt man einige dunkle Filamente und den leicht aus der Mitte gerückten Kern.
Im Zuge der Beobachtungen auch einige Sternfeldfotos mit 70mm f/4 auf Kodak Royal 1000: Pleiaden und Umgebung, 1 Minute; Auriga, 1 Minute; Stier, östlicher Teil, 2 Minuten; Orion, Südteil, 2 Minuten; Orion, Nordteil, 2 Minuten.
Fazit:
Positiv: Die Nacht! Von den Bedingungen her sicher eine der besten Beobachtungsnächte überhaupt. Unter solchen Bedingungen kann ein Instrument seine Leistung voll entfalten. Sogar unser sonst so kritischer Hans Peter hat bemerkt, wie gut die Performance des 12" heute war (kein Wunder - fünf Stunden austemperiert, da gibt's keine Einbußen mehr!). Die Stromversorgung hat bis zum Schluß reibungslos funktioniert, und das bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Tip: Batterie an einen trockenen Ort stellen, am besten ins Auto, das Kabel ist lang genug. Nur drüberfallen darf man nicht, aber bei der Schneedecke war es ohnedies gut zu erkennen. Die Stimmung! Wenn der Himmel paßt, sind alle gut drauf. Die Bekleidung! Fast 6 Stunden im Freien und keine Spur von Frieren. Heißer Tip: Thermoeinlagen in den Schuhen. Wenn die Füße warm bleiben, stimmt der Rest.
Negativ: Das Vereisen der Instrumente! Die Taukappe muß lang sein. Bei meinem 12" ist sie rund 50cm lang und das ist gut so, ich hatte fast keinen Beschlag auf der Schmidtplatte. Walter hat sein Instrument im Auto abgetaut, mit der Innenbelüftung geht das recht gut. Besser ist ein Batteriefön. Dafür sind die Okulare reihenweise eingefroren. Gut, die kann man im Auto wieder auftauen, trotzdem. Tahir erzählte von einer Okularheizung. Klingt überlegenswert. A propos Vereisen: Wenn man die Heckklappe beim Beobachten offen läßt, was sehr praktisch ist, dann vereisen die Scheiben des Autos außen und innen. Die Abfahrt vom Beobachtungsplatz wird dadurch schon etwas verzögert.
In Summe überwiegen die positiven Eindrücke bei weitem! Und was lernt man daraus? Erstens, Sauwetter in Wien heißt nicht, daß man nicht beobachten kann (das ist eigentlich nichts Neues). Zweitens, die Berge des Alpenvorlands sind im Winter nicht so unpassierbar wie Alaska. Und drittens: Wenn's geklappt hat (wie in dieser Nacht), dann hat man ein Erlebnis, an das man sich noch lange erinnern wird. Toll war's!
APi