Satelliten, Venus und Jupiter

Sofienalpe, 04. 06. 2002

20020604api21.html

Beobachter: Alexander Pikhard
e-Mail: apikhard@utanet.at
Datum: 04. 06. 2002
Zeit: 21.00 bis 22.45 MESZ
Ort: Sofienalpe
Instrument: 12" Meade LX-200
Bedingungen:

Durchsicht: 1 Freis. vis. Grenzgröße: später 5
Aufhellung: 2 Seeing: 2
Wind: kein  
Temperatur: ca. 20 °C Luftfeuchtigkeit:

Sonstige Bemerkungen: Am W-Horizont tiefe Wolken, sonst wolkenlos

Bericht: And now to something completely different ...

Es gibt Phasen im Leben eines Hobbyastronomen, da gräbt sich im Hinterkopf ein Gedanke ein, den man einfach nicht mehr los wird. Daß man etwas ausprobieren möchte. Letztlich bringt es ja Abwechslung in den ohnedies abwechslungsreichen Alltag - oder sollte man sagen in die abwechslungsreiche Allnacht? - des Astro-Amateurs.

Und so grübelte ich schon seit einigen Wochen am Problem Satellitenbeobachtung herum. Die lange Dämmerung im Spätfrühling ist ja auch geradezu ideal dafür. Ich besitze ein LX-200, azimutal montiert. Gut. Es gibt Software, mit der man mit so einem Fernrohr Satelliten verfolgen kann. Sollte ich einmal ausprobieren. Demoversionen kann man ja im Internet downloaden. Aber ob das funktioniert? Computerzeug, Hard- und Software... und dann muß man ja irrsinnig exakt aufstellen. Es kommt bei den schnellen Satelliten ja auf jede Sekunde an. Und die Uhrzeit... OK, ich habe auch eine Funkuhr und GPS, das sollte auch kein Problem sein. Aber das alles ausprobieren ...

Manchmal braucht man einen "Tritt", also eine "positive Motivation" von außen. Und die kommt am Nachmittag des 4. Juni in Form eines Anrufs vom ORF. Sie suchen jemanden mit einem Teleskop, der die Raumstation ISS verfolgen kann.

Jetzt ist Hektik angesagt. Ich suche im Internet nach geeigneter Software für LX-200 und entschließe mich für SatelliteTracker (TM), das Programm hat das beste Preis-/Leistungsverhältnis. 31 kanadische Dollar kann man verschmerzen, darüberhinaus betreibt der Entwickler selbst ein Diskussionsforum, das heißt man kann mit dem Programmierer direkt in Kontakt treten. Ein unschätzbarer Vorteil.

Ich lade von www.heavenscape.com eine Testversion (20 Versuche, dann muß ein Lizenzcode eingegeben werden). Das Programm ist einfach zu durchschauen und ich mache zu Hause einige Tests. Ich lade die aktuellen TLE-Elemente aus dem Internet und vergleiche die Vorhersagen mit heavens-above .com - die Prognosen weichen maximal eine Sekunde voneinander ab, das geht.

Ab ins Feld. Walter Simotta kommt auch vorbei und verfolgt die ersten Tests. In der langen Dämmerung heißt es zunächst nur warten ... Und Venus und Jupiter bewundern, die übereinander im Nordwesten stehen. Viele Spaziergänger können einen Blick durchs Fernrohr zu den beiden Planeten ergattern, und so machen wir auch ein wenig Öffentlichkeitsarbeit.

Abendstimmung
Venus und Jupiter tief im Westen, das LX-200 wartet auf den nächsten Satelliten

Es wird ernst. 31.35 Uhr MESZ. Ich programmiere SeaSat 1 ein. Noch steht er unter dem Horizont. Die Positionsangaben laufen - Azimut, Höhe (noch negativ), Entfernung in km und viele andere Daten. Man kann auch eine Sternkarte einblenden mit der Bahn des Satelliten und eine Erdkarte, zentriert auf seine Position, mit dem Sichtbarkeitshorizont und der Beobachterposition. Alles in Echtzeit. Cool, wie im Kontrollzentrum.

Die Höhe wird positiv. Start Tracking. Das LX-200 bewegt sich! Surr - piep! - surr - piep! - ... dann wird das Gepiepse zum Dauerton. Der Computer schickt die Daten zu schnell. Mit einem Regler auf langsamer stellen. OK, geht. Surr - piep - surr - piep - ... ein Blick durchs 50mm Plössl ... DA IST ER! GETROFFEN! Das Teleskop folgt in der Tat dem Satelliten. Zwar (noch) ruckartig, das heißt der Satellit flutzt durch das Gesichtsfeld, dann positioniert sich das Teleskop neu, wieder fliegt er durchs Feld, etc. Kann man eigentlich nicht das Piepsen beim Goto abstellen?

Erste Begeisterung kommt auf. Äh, wie sieht der Satellit eigentlich aus? Nichts, nur ein heller Punkt. Keine Details. Ist wohl klein ...

Gute 10 Minuten dauert diese Passage, und die Premiere ist gelungen.

Jetzt zum nächsten Satelliten. Lacrosse 4 Raktenstufe. Warten. Höhe positiv. Start. Das Telekop bewegt sich. Surr - piep - surr - piep ... Ein Blick durchs Okular. Nichts. Ein Blick durch den Sucher. Nichts. Offenbar falsche Bahndaten ...

10 Minuten Pause, dann ISS. Die Spannung steigt. Auf der Echtzeitdarstellung der Erdkarte schiebt sich der Sichtbarkeitshorizont an unseren Beobachtungsort heran. Höhe positiv. Das Teleskop bewegt sich. ISS ist im Sucher zu erkennen, aber gut 2° von der Teleskopposition entfernt. Das kann man korrigieren, mit Steuertasten auf dem Programm. Oh nein, die Tasten sind NICHT für das umkehrende Fernrohr programmiert, andersrum, oh Gott!

Jetzt kommen wir heran. Ups, was ist jetzt? Das LX-200 schwenkt in die Gegenrichtung!? Ja, not a bug, but a feature! Das Teleskop kann nicht über 0° Azimut (Norden) hinweg positionieren, sondern schwenkt über Süden, weil sich sonst das Kabel des Höhenmotors aufwickelt. Da kann die Software nichts dafür, das macht der LX-200 Bordcomputer so... Wertvolle Sekunden gehen verloren. Ist ein Thema im Diskussionsforum von SatelliteTracker ( groups.yahoo.com/group/satellitetracker ), doch Meade weigert sich, diese Feature zu deaktivieren. Genauso ärgerlich wie "too close to the sun", wenn man Merkur nach (!) Sonnenuntergang einstellen möchte und er weniger als 15° Elongation von der Sonne hat.

Endlich habe ich die ISS im Gesichtsfeld, gerade noch rechtzeitig, bevor sie hinter Bäumen verschwindet. Was ist zu sehen? Ahem, eigentlich nicht viel. Ein heller Punkt. Vielleicht länglich. Vielleicht ...

Puh, war das aufregend. Wieder 5 Minuten Pause. Die Sprünge der Steuerung sind mir zu groß. Ein Blick in die Onlinehilfe verrät einen Parameter, an dem man drehen kann, damit quasi kontinuierlich nachgeführt werden kann (angeblich kann ein LX-200 10 GOTO-Befehle in der Sekunde verarbeiten. Also meines nicht ...).

Der nächste Satellit kommt. Kosmos 1833 Raketenstufe. Höhe positiv. Gebüsch im Weg. Warten. Objekt über Gebüsch. Objekt im Sucher erfaßt. Korrektur, jetzt wissen wir ja, wie es geht. Andersrum. Objekt im Hauptrohr. Das Tuning der Steuerung hat sich bewährt, der Satellit bleibt im Gesichtsfeld, sogar des 21mm Pentax-Okulars. Ja, ich traue mich sogar schon, das Okular während der "Verfolgung" zu wechseln. Details? Keine. Natürlich folgt das Teleskop dem Satelliten in kleinen Schritten, er pendelt also im Gesichtsfeld hin und her.

Was ist das? Ah, Eigenschwingung! Die kurzen Goto-Schritte versetzen mein Instrument in Eigenschwingungen. Ich brauche dringen Gummifüße unterm Stativ, zum Dämpfen der Schwingungen. Der Satellit sieht aus wie der Lichtpunkt auf einem Oszilloskop. Nett ... Und jetzt? Ah ja, wieder eine Nordpassage. LX-200 will seine Kabel nicht verwickeln, also wird ein größerer Umweg eingeschlagen. Aus, es reicht, genug von diesem Satelliten gesehen.

Ende? Nein, ein interessanter kommt gleich noch. Envisat. Das Teleskop liegt auf der Lauer. Höhe positiv. Wald im weg. Der Rest ist fast schon Routine und verläuft wie bei Kosmos 1833 zuvor. Ein Blick durchs Okular. Ja, das könnte ein Detail sein. Envisat erscheint wie ein Doppelstern, neben dem hellen Punkt scheint ein schwächerer Punkt mitzulaufen. Also erstmals ein Detail.

Die ersten Tests verlaufen also vielversprechend. Noch etwas Tuning, und vielleicht läuft das LX-200 dann noch gleichmäßiger. Aber wie man Detailaufnahmen mit CCD oder Video machen soll, ist mir noch schleierhaft. Im Diskussionsformum wird eine Software erwähnt, die die Bilder der Satelliten auf den einzelnen Videoframes automatisch zentriert. Ein klarer Fall für Giotto ( www.videoastronomy.org/giotto.htm )!

Fazit: Wissenschaftlicher Wert: * (außer man beobachtet StarShine, dann ***), technische Komponente: ****, Spannung: *****, Unterhaltungswert: *****, also eine absolut lohnende Alternative zum herkömmlichen Spechteln. Geht mittlerweile mit vielen Goto-Steuerungen!

Ich baue ab. Über mir ein eigentlich traumhafter Sommerhimmel. Aber heute habe ich etwas ganz anderes ausprobiert ...