| Bericht: | Manchmal hat man die
richtige Idee zur richtigen Zeit. Unsere Idee, Sternabende auf dem
Kahlenberg zu veranstalten, sollte sich als Volltreffer erweisen.
Binnen kürzester Zeit hat sich der Platz etabliert und
mittlerweile kommen Besucher ganz gezielt zu dieser Veranstaltung;
abgesehen von den zahlreichen zufälligen Gästen, denen wir
hier quasi ohne Werbung Astronomie näher bringen können und
die sich als extrem dankbares Publikum erweisen.
Obwohl die Veranstaltung erst für 21 Uhr angesetzt ist, wegen der
spät einsetzenden Dunkelheit, haben wir die mobile Volkssternwarte
bereits um 20 Uhr aufgebaut, was sich als goldrichtig erweisen sollte.
Die Terrasse ist gefüllt mit Gästen, teils aus Wien, teils
Touristen aus nah und fern.

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Schon bei Tag, also bei
tief stehender Sonne, drängen sich Besucherinnen und Besucher am
Fernrohr, um einen Blick zum Mond zu werfen. Der Mond zeigt sich heute
in seiner besten Phase: Erstes Viertel hoch am Himmel, dazu noch ein
traumhaftes Seeing.
Apenninen, Alpen und das südliche Bergland stehen günstig am
Terminator, da gibt es so manches "Ah!" und "Oh!", was eigentlich in
allen Sprachen gleich klingt.
Fremdsprachenkenntnisse sind heute extrem wichtig. Manchmal höre
ich fast unsere gesamte Mannschaft englisch reden. Ein internationaler
Sternabend vor beeindruckender Kulisse.
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Letzte Gewitter über den Bergen, es entwickelt sich ein Bilderbuchabend.
Es ist so angenehm warm, dass T-Shirts auch nach Mitternacht als
Bekleidung ausreichen. So macht Astronomie natürlich noch mehr
Spass, wenn unangenehme Begleiterscheinungen wie Wind und Kälte
ausbleiben. Viele unserer Gäste harren, teilweise mit einer
Unterbrechung im nahe gelegenen Restaurant, bis zum Ende mit uns aus.
In
der Dämmerung wird der Mond kontrastreicher und auch Jupiter ist
schon zu beobachten. Auch die Zahl unserer Instrumente erhöht
sich, und unsere Gäste geniessen es, von Fernrohr zu Fernrohr zu
flanieren und immer wieder neue Objekte gezeigt und erklärt zu
bekommen.
Fortgeschrittenere Hobbysterngucker nützen die Gelegenheit, die
einzelnen Instrumente und Instrumententypen zu vergleichen. Sogar
Okulare werden getauscht und getestet!
Jupiter ist nach dem Mond das nächste Objekt. Eine interessante,
sehr enge Konjuktion (Begegnung) zwischen den Monden Ganymed und Europa
wird interessiert verfolgt. Im Feldstecher sind die beiden Monde nicht
mehr zu trennen, im grossen Fernrohr erkennt man sogar ihre
unterschiedliche Größe.
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Mit fortschreitender Dunkelheit wird der Mond immer kontrastreicher und
begeistert alle, egal, ob sie unseren Erdtrabanten zum ersten Mal sehen
oder sich schon zu den erfahrenen Mondbeobachtern zählen
können. Heute ist auch wirklich die beste Mondphase!

Was für ein Anblick!
Einige nützen die Gelegenheit
zu einem Schnappschuss mit der Digital- oder Videokamera durchs
Fernrohr, durchaus mit Erfolgt. Andere spielen Astronaut, als ich mit
der WebCam und der Steuerung des LX-200 den Mond abfahre. Es sieht
wirklich aus, als blickten wir aus einem Raumschiff auf die
Oberfläche des Mondes. Immer wieder kommt die Frage, ob wir die
Fußabdrücke der Astronauten oder die Fahnen sehen
könnten. Nein, so kleine Details erkennt man vor der Erde aus
nicht. Aber ...

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Was soll man dazu noch
sagen? Dieses Bild entstand als Mosaik von drei Aufnahmen, die mit der
WebCam aufgenommen wurden, und zeigt den westlichen Rand des Mare
Imbrium. Norden ist oben, Westen ist rechts.
Oben die Mondalpen mit dem Alpental, in dem man bei genauem Hinsehen
sogar die dünne Rille am Grund erkennt - eine Seltenheit!
Im Mare Imbrium erkennt man als helle Flecken die beiden isolierten
Berge Pico und Pico Beta (ganz links) sowie Piton (mit dem langen
Schatten, isoliert in der Ebene) östlich des flachen Kraters
Cassini, der in seinem Inneren noch zwei runde, tief aussehende Krater
enthält. Cassini ist, wahrscheinlich bei der Bildung des Mare
Imbrium, mit Lava überflutet worden, die beiden kleinen Krater in
seinem Inneren sind später entstanden.
Sehr deutlich sieht man am Boden des Mare Imbrium auch die feinen
Lavawellen, die man als Mondfahrer gar nicht bemerken würde,
würde man mit einem Mondfahrzeug diese riesige Ebene durchqueren.
Ebenfalls ganz links am Terminator Spitzbergen, oberhalb des
großen Kraters Archimedes, dessen Inneres noch nicht beleuchtet
ist. Beeindruckend ist der Krater Aristillus mit seinem reich
strukturierten, terrassenförmigen Wall und den fein gewellten
Ausläufern. Auch Autolycus darunter ist reich strukturiert.
Ganz rechts am Bildrand erkennt man noch Ausläufer des Caucasus.
Südliche von Archimedes beginnt das Vorgebirge der Apenninen. In
diesem chaotischen Gebiet vor dem eigentlichen Gebirszug, der hier
plastisch herauskommt, liegen zahlreiche Mondrillen.
Von Archimedes in Richtung auf den Kamm laufen die Archimedes-Rillen
durch eine Gegend, die man "Sumpf der Fäulnis" genannt hat. Igitt!
Entlang des Hauptkamms verlaufen die Fresnell-, die Hadley- und die
Bradley-Rillen. Alle drei sind auf der Aufnahme gut erkennbar und mit
einer Mondkarte ganz leicht zu identifizieren.
Nahe der Hadley-Rille befindet sich der Landeplatz von Apollo 15, der klarerweise auf der Aufnahme nicht zu erkennen ist.
Der Hauptkamm der Apenninen ist bis zu 5000m hoch, die Berge sind aber
so sanft geformt wie die Hügel des Wienerwaldes. Sie sehen etwa
aus wie der Kahlenberg, auf dem wir gerade stehen!
Die hier abgebildete Region ist sicher eine der schönsten auf dem
Mond, wir beobachten sie im Fernrohr auch mit starker
Vergrößerung.
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Die riesigen Krater
Ptolemäus (150km Durchmesser, links oben), Albategnius (recht
oben), Alphonsus (links Mitte) und Arzachel (links unten, mit reich
strukturiertem Wall) liegen in dem chaotischen südlichen Bergland.
Auch die großen Krater haben einen mit Lava bedeckten Boden.
Wahrscheinlich haben die Meteoriten, die diese Krater vor drei bis vier
Milliarden Jahren erzeugt haben, die Kruste des Mondes durchdrungen und
so flüssigem Gestein aus dem Inneren des Mondes den Weg zur
Oberfläche geöffnet. Damals ging das ja noch. Heute ist der
Mond durch und durch erstarrt.
Zahlreiche Rillen zerfurchen dieses Gebit in nord-südlicher Richtung.
Man beachte die Schatten der Wälle in Ptolemäus und Alphonsus!
Hier sind wirklich Details bis zu wenigen Kilometern Größe zu erkennen.
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Details, schon weiter vom Terminator (der Grenze von Tag und Nacht) entfernt:
Die Aradaeus- (rechts unten) und die Hyginus-Rille (Mitte). Links unten erkennt man Ausläufer der Triesnecker-Rillen.
Die kleine Ebene ist der Sinus Medii, die Mittagsbucht. Der
auffällig scharf begrenzte krater am oberen Bildrand ist Manilius.
Bei solcher Sicht kann man sich am Mond einfach nicht sattsehen!
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Mittlerweile ist es schon recht dunkel geworden. Wie eine riesige
Galaxie liegt Wien zu unseren Füßen. Langsam erheben sich
immer mehr Sterne aus dem Dunst der Stadt und dem fortschreitenden
Dunkel der Nacht.

Wie eine Galaxie liegt die beleuchtete Stadt zu unseren Füßen
Keine Spur, dass der Betrieb in
unserer mobilen Volkssternwarte abnimmt. Im Gegenteil. Es kommen noch
mehr Fernrohre, aber auch immer wieder neue Gäste. Und viele sind
schon von Anfang an dabei und warten gespannt auf das nächste
Objekt. Oder bringen auch Wünsche vor. Leider können wir so
nahe bei der Stadt nicht alle erfüllen.

Hier ein paar der kleineren, aber durchaus leistungsfähigen Instrumente. Und unser Zelt,
dessen Schautafeln heute sehr intensiv studiert werden - alles über Mond, Jupiter und mehr!
Astronomie begeistert jung und alt. Zum Glück haben wir unsere kleine Leiter auch mit.
Nach Mond und Jupiter geht es ins Reich der Fixsterne. Bei Arcturus
macht sich zunächst Enttäuschung breit - keine Krater, keine
Wolken, keine Monde, nur ein heller Punkt!
Richtig, aber was für einer! Eine ferne Sonne, 36 Mal so
groß und 300 Mal so hell wie unsere eigene Sonne. Da geht wieder
ein "Ah!" durch die Menge.
Nach Arcturus beobachten wir Doppelsterne und dann sogar Deep Sky
Objekte: Sternhaufen, Nebel und sogar Galaxien werden probiert. Mit
unseren stärkeren Fernrohren - dem 30cm und dem 25cm -
Spiegelteleskopen - ist das ja auch kein allzu grosses Problem, wenn
wir beim Durchschauen helfen (und vor allem das Streulicht verdecken).
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M3, M13, M57, ja sogar die
Galaxie M51 werden heute im Fernrohr gezeigt, es sind wirklich ideale
Bedingungen. Mit guter Anleitung und etwas Hilfe sehen viele zum ersten
Mal einen Kugelsternhaufen, einen sterbenden Stern oder eine fremde
Milchstraße. Das muss natürlich erklärt werden.
In vielen Sprachen, versteht sich. Hier hält Doris Istrate eine Führung auf Rumänisch!
Wie hat Oswald Thomas so schön gesagt? "Wir sind alle unter dem
gleichen Runden Himmel geboren!" Da ist was dran, hinterm Fernrohr,
unter dem Sternenhimmel, findet sich sofort ein Gesprächsthema, in
jeder Sprache (die beide Seiten beherrschen).
So tragen wir an diesem Abend auch Wiens Ruf als Stadt der Wissenschaft
weiter, nach Deutschland, in die Schweiz, nach Rumänien,
Tschechien, Italien, in die Niederlande, in die Türkei, nach Indien, Japan ...
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Geisterstunde? Nein, nur Langzeitbelichtung zur Geisterstunde!
Bis lang nach Mitternacht dauert unser Sternabend, wohl der beste
bisher. Und er hätte wohl noch länger gedauert, wären
nicht Wolken aufgezogen. Die haben uns dann doch dazu bewogen, unsere
Station abzubauen. Sonst hätten wir vielleicht doch auf den Mars
gewartet, wer weiss.
Es war eine Sternstunde. Wie viele Personen durch unsere Fernrohre
geschaut haben? Wir haben sich nicht gezählt, aber 200 waren es
auf jeden Fall, vielleicht auch 300. Egal, das macht es nicht aus. Der
Erfolg dieses Abends, der Erfolg unserer mobilen Sternwarte, stand und
steht in den Gesichtern derer, die durch das Fernrohr geblickt und
vielleicht nur für einige Minuten unseren Vorträgen
zugehört haben. Sie haben erlebt, dass Wissenschaft Spass macht.
Gegen ein Uhr ist die Terrasse
immer noch gut besucht, vor allem von jungen Menschen, die die
wunderschöne Nacht einfach nicht zu Hause verbringen möchten.
Viele sind darunter, für die der Mond plötzlich mehr ist als
ein Symbol im Mondkalender, das zum Haareschneiden rät oder vom
Fensterputzen abrät. Viele haben ein Stück unserer "Umwelt im
Großen" kennengelernt. Viele wurden aber auch erstmals mit der
Problematik konfrontiert, dass die beleuchtete Stadt nicht nur
schön ist, sondern auch diese Umwelt im Großen
gefährdet. Viele haben Astronomie erlebt. Und das war es wert,
eine halbe Nacht aufzubleiben, zu zeigen und zu reden, während
andere schon längst ihr Fernsehgerät abschalten.
Der nächste Sternabend ist am Freitag, 4. Juli, im
Donaupark. Hoffen wir auf ähnlich gutes Wetter. Am Samstag, 5.
Juli, sind wir dann wieder auf dem Kahlenberg.
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