Sternabend

Kahlenberg, 07. 06. 2003

20030607kbg18.html

Beobachter:Alexander Pikhard et al.
e-Mail:apikhard@utanet.at
Datum:07. 06. 2003
Zeit:20.00 bis 00.45 Uhr MESZ
Ort:Kahlenberg
Instrument:12" Meade LX-200, 10" Meade LX-200 GPS, 4" Newton und andere
Bedingungen:

Durchsicht:1
Freis. vis. Grenzgröße:4.5
Aufhellung:2 Seeing:1
Wind:windstill
Temperatur:+22 °C Luftfeuchtigkeit:trocken
Sonstige Bemerkungen:Nach Auflösung der Gewitterzellen am späten nachmittag wolkenloser, klarer Himmel und sehr gute Sicht. Erst nach 00.15 Uhr Aufzug hoher Schichtwolken aus SW von nächtlichen Gewittern im Bergland.

Bericht:Manchmal hat man die richtige Idee zur richtigen Zeit. Unsere Idee, Sternabende auf dem Kahlenberg zu veranstalten, sollte sich als Volltreffer erweisen. Binnen kürzester Zeit hat sich der Platz etabliert und mittlerweile kommen Besucher ganz gezielt zu dieser Veranstaltung; abgesehen von den zahlreichen zufälligen Gästen, denen wir hier quasi ohne Werbung Astronomie näher bringen können und die sich als extrem dankbares Publikum erweisen.

Obwohl die Veranstaltung erst für 21 Uhr angesetzt ist, wegen der spät einsetzenden Dunkelheit, haben wir die mobile Volkssternwarte bereits um 20 Uhr aufgebaut, was sich als goldrichtig erweisen sollte. Die Terrasse ist gefüllt mit Gästen, teils aus Wien, teils Touristen aus nah und fern.


Schon bei Tag, also bei tief stehender Sonne, drängen sich Besucherinnen und Besucher am Fernrohr, um einen Blick zum Mond zu werfen. Der Mond zeigt sich heute in seiner besten Phase: Erstes Viertel hoch am Himmel, dazu noch ein traumhaftes Seeing.

Apenninen, Alpen und das südliche Bergland stehen günstig am Terminator, da gibt es so manches "Ah!" und "Oh!", was eigentlich in allen Sprachen gleich klingt.

Fremdsprachenkenntnisse sind heute extrem wichtig. Manchmal höre ich fast unsere gesamte Mannschaft englisch reden. Ein internationaler Sternabend vor beeindruckender Kulisse.


Letzte Gewitter über den Bergen, es entwickelt sich ein Bilderbuchabend.

Es ist so angenehm warm, dass T-Shirts auch nach Mitternacht als Bekleidung ausreichen. So macht Astronomie natürlich noch mehr Spass, wenn unangenehme Begleiterscheinungen wie Wind und Kälte ausbleiben. Viele unserer Gäste harren, teilweise mit einer Unterbrechung im nahe gelegenen Restaurant, bis zum Ende mit uns aus.

In der Dämmerung wird der Mond kontrastreicher und auch Jupiter ist schon zu beobachten. Auch die Zahl unserer Instrumente erhöht sich, und unsere Gäste geniessen es, von Fernrohr zu Fernrohr zu flanieren und immer wieder neue Objekte gezeigt und erklärt zu bekommen.

Fortgeschrittenere Hobbysterngucker nützen die Gelegenheit, die einzelnen Instrumente und Instrumententypen zu vergleichen. Sogar Okulare werden getauscht und getestet!

Jupiter ist nach dem Mond das nächste Objekt. Eine interessante, sehr enge Konjuktion (Begegnung) zwischen den Monden Ganymed und Europa wird interessiert verfolgt. Im Feldstecher sind die beiden Monde nicht mehr zu trennen, im grossen Fernrohr erkennt man sogar ihre unterschiedliche Größe.


Mit fortschreitender Dunkelheit wird der Mond immer kontrastreicher und begeistert alle, egal, ob sie unseren Erdtrabanten zum ersten Mal sehen oder sich schon zu den erfahrenen Mondbeobachtern zählen können. Heute ist auch wirklich die beste Mondphase!


Was für ein Anblick!

Einige nützen die Gelegenheit zu einem Schnappschuss mit der Digital- oder Videokamera durchs Fernrohr, durchaus mit Erfolgt. Andere spielen Astronaut, als ich mit der WebCam und der Steuerung des LX-200 den Mond abfahre. Es sieht wirklich aus, als blickten wir aus einem Raumschiff auf die Oberfläche des Mondes. Immer wieder kommt die Frage, ob wir die Fußabdrücke der Astronauten oder die Fahnen sehen könnten. Nein, so kleine Details erkennt man vor der Erde aus nicht. Aber ...


Was soll man dazu noch sagen? Dieses Bild entstand als Mosaik von drei Aufnahmen, die mit der WebCam aufgenommen wurden, und zeigt den westlichen Rand des Mare Imbrium. Norden ist oben, Westen ist rechts.

Oben die Mondalpen mit dem Alpental, in dem man bei genauem Hinsehen sogar die dünne Rille am Grund erkennt - eine Seltenheit!

Im Mare Imbrium erkennt man als helle Flecken die beiden isolierten Berge Pico und Pico Beta (ganz links) sowie Piton (mit dem langen Schatten, isoliert in der Ebene) östlich des flachen Kraters Cassini, der in seinem Inneren noch zwei runde, tief aussehende Krater enthält. Cassini ist, wahrscheinlich bei der Bildung des Mare Imbrium, mit Lava überflutet worden, die beiden kleinen Krater in seinem Inneren sind später entstanden.

Sehr deutlich sieht man am Boden des Mare Imbrium auch die feinen Lavawellen, die man als Mondfahrer gar nicht bemerken würde, würde man mit einem Mondfahrzeug diese riesige Ebene durchqueren.

Ebenfalls ganz links am Terminator Spitzbergen, oberhalb des großen Kraters Archimedes, dessen Inneres noch nicht beleuchtet ist. Beeindruckend ist der Krater Aristillus mit seinem reich strukturierten, terrassenförmigen Wall und den fein gewellten Ausläufern. Auch Autolycus darunter ist reich strukturiert.

Ganz rechts am Bildrand erkennt man noch Ausläufer des Caucasus.

Südliche von Archimedes beginnt das Vorgebirge der Apenninen. In diesem chaotischen Gebiet vor dem eigentlichen Gebirszug, der hier plastisch herauskommt, liegen zahlreiche Mondrillen.

Von Archimedes in Richtung auf den Kamm laufen die Archimedes-Rillen durch eine Gegend, die man "Sumpf der Fäulnis" genannt hat. Igitt!

Entlang des Hauptkamms verlaufen die Fresnell-, die Hadley- und die Bradley-Rillen. Alle drei sind auf der Aufnahme gut erkennbar und mit einer Mondkarte ganz leicht zu identifizieren.

Nahe der Hadley-Rille befindet sich der Landeplatz von Apollo 15, der klarerweise auf der Aufnahme nicht zu erkennen ist.

Der Hauptkamm der Apenninen ist bis zu 5000m hoch, die Berge sind aber so sanft geformt wie die Hügel des Wienerwaldes. Sie sehen etwa aus wie der Kahlenberg, auf dem wir gerade stehen!

Die hier abgebildete Region ist sicher eine der schönsten auf dem Mond, wir beobachten sie im Fernrohr auch mit starker Vergrößerung.
Die riesigen Krater Ptolemäus (150km Durchmesser, links oben), Albategnius (recht oben), Alphonsus (links Mitte) und Arzachel (links unten, mit reich strukturiertem Wall) liegen in dem chaotischen südlichen Bergland.

Auch die großen Krater haben einen mit Lava bedeckten Boden. Wahrscheinlich haben die Meteoriten, die diese Krater vor drei bis vier Milliarden Jahren erzeugt haben, die Kruste des Mondes durchdrungen und so flüssigem Gestein aus dem Inneren des Mondes den Weg zur Oberfläche geöffnet. Damals ging das ja noch. Heute ist der Mond durch und durch erstarrt.

Zahlreiche Rillen zerfurchen dieses Gebit in nord-südlicher Richtung.

Man beachte die Schatten der Wälle in Ptolemäus und Alphonsus!

Hier sind wirklich Details bis zu wenigen Kilometern Größe zu erkennen.


Details, schon weiter vom Terminator (der Grenze von Tag und Nacht) entfernt:

Die Aradaeus- (rechts unten) und die Hyginus-Rille (Mitte). Links unten erkennt man Ausläufer der Triesnecker-Rillen.

Die kleine Ebene ist der Sinus Medii, die Mittagsbucht. Der auffällig scharf begrenzte krater am oberen Bildrand ist Manilius.

Bei solcher Sicht kann man sich am Mond einfach nicht sattsehen!

Mittlerweile ist es schon recht dunkel geworden. Wie eine riesige Galaxie liegt Wien zu unseren Füßen. Langsam erheben sich immer mehr Sterne aus dem Dunst der Stadt und dem fortschreitenden Dunkel der Nacht.


Wie eine Galaxie liegt die beleuchtete Stadt zu unseren Füßen

Keine Spur, dass der Betrieb in unserer mobilen Volkssternwarte abnimmt. Im Gegenteil. Es kommen noch mehr Fernrohre, aber auch immer wieder neue Gäste. Und viele sind schon von Anfang an dabei und warten gespannt auf das nächste Objekt. Oder bringen auch Wünsche vor. Leider können wir so nahe bei der Stadt nicht alle erfüllen.


Hier ein paar der kleineren, aber durchaus leistungsfähigen Instrumente. Und unser Zelt,
dessen Schautafeln heute sehr intensiv studiert werden - alles über Mond, Jupiter und mehr!

Astronomie begeistert jung und alt. Zum Glück haben wir unsere kleine Leiter auch mit.

Nach Mond und Jupiter geht es ins Reich der Fixsterne. Bei Arcturus macht sich zunächst Enttäuschung breit - keine Krater, keine Wolken, keine Monde, nur ein heller Punkt!

Richtig, aber was für einer! Eine ferne Sonne, 36 Mal so groß und 300 Mal so hell wie unsere eigene Sonne. Da geht wieder ein "Ah!" durch die Menge.

Nach Arcturus beobachten wir Doppelsterne und dann sogar Deep Sky Objekte: Sternhaufen, Nebel und sogar Galaxien werden probiert. Mit unseren stärkeren Fernrohren - dem 30cm und dem 25cm - Spiegelteleskopen - ist das ja auch kein allzu grosses Problem, wenn wir beim Durchschauen helfen (und vor allem das Streulicht verdecken).


M3, M13, M57, ja sogar die Galaxie M51 werden heute im Fernrohr gezeigt, es sind wirklich ideale Bedingungen. Mit guter Anleitung und etwas Hilfe sehen viele zum ersten Mal einen Kugelsternhaufen, einen sterbenden Stern oder eine fremde Milchstraße. Das muss natürlich erklärt werden.

In vielen Sprachen, versteht sich. Hier hält Doris Istrate eine Führung auf Rumänisch!

Wie hat Oswald Thomas so schön gesagt? "Wir sind alle unter dem gleichen Runden Himmel geboren!" Da ist was dran, hinterm Fernrohr, unter dem Sternenhimmel, findet sich sofort ein Gesprächsthema, in jeder Sprache (die beide Seiten beherrschen).

So tragen wir an diesem Abend auch Wiens Ruf als Stadt der Wissenschaft weiter, nach Deutschland, in die Schweiz, nach Rumänien, Tschechien, Italien, in die Niederlande, in die Türkei, nach Indien, Japan ...


Geisterstunde? Nein, nur Langzeitbelichtung zur Geisterstunde!

Bis lang nach Mitternacht dauert unser Sternabend, wohl der beste bisher. Und er hätte wohl noch länger gedauert, wären nicht Wolken aufgezogen. Die haben uns dann doch dazu bewogen, unsere Station abzubauen. Sonst hätten wir vielleicht doch auf den Mars gewartet, wer weiss.

Es war eine Sternstunde. Wie viele Personen durch unsere Fernrohre geschaut haben? Wir haben sich nicht gezählt, aber 200 waren es auf jeden Fall, vielleicht auch 300. Egal, das macht es nicht aus. Der Erfolg dieses Abends, der Erfolg unserer mobilen Sternwarte, stand und steht in den Gesichtern derer, die durch das Fernrohr geblickt und vielleicht nur für einige Minuten unseren Vorträgen zugehört haben. Sie haben erlebt, dass Wissenschaft Spass macht.

Gegen ein Uhr ist die Terrasse immer noch gut besucht, vor allem von jungen Menschen, die die wunderschöne Nacht einfach nicht zu Hause verbringen möchten. Viele sind darunter, für die der Mond plötzlich mehr ist als ein Symbol im Mondkalender, das zum Haareschneiden rät oder vom Fensterputzen abrät. Viele haben ein Stück unserer "Umwelt im Großen" kennengelernt. Viele wurden aber auch erstmals mit der Problematik konfrontiert, dass die beleuchtete Stadt nicht nur schön ist, sondern auch diese Umwelt im Großen gefährdet. Viele haben Astronomie erlebt. Und das war es wert, eine halbe Nacht aufzubleiben, zu zeigen und zu reden, während andere schon längst ihr Fernsehgerät abschalten.

Der nächste Sternabend ist am Freitag, 4. Juli, im Donaupark. Hoffen wir auf ähnlich gutes Wetter. Am Samstag, 5. Juli, sind wir dann wieder auf dem Kahlenberg.