Doppelsterne & ein bisschen Deep Sky

Sofienalpe, 17. 06. 2003

20030617api20.html

Beobachter:Alexander Pikhard
Datum:17. 06. 2003
Zeit:20.30 bis 23.15 MESZ
Ort:Sofienalpe
Instrument:12" Meade LX-200, Philips ToUCam Pro
Bedingungen:

Durchsicht:gut (2)
Aufhellung:gut (2)
Seeing:gut (2)
Freis. vis. Grenzgroesse:4.5 (später)
Temperatur:18 °C
Bemerkungen:Ein wenig Horizontbewölkung, ansonsten sehr klar. Leichter Wind, nicht störend.

Bericht:Unerwarteter Weise wurde es noch ein sehr schöner Abend. Der Nachmittagshimmel war mit zahlreichen Cirren überzogen und für den nächsten Tag eine Kaltfront angesagt, da kam ein klarer Abend sehr unerwartet. Die Cirren hatten sich verzogen und so beschließe ich spontan, auf die Sofienalpe zu fahren. Ja, und um was genau zu beobachten? Richtig, das sollte ich mir auch noch überlegen. Jupiter ist schon sehr tief, ausserdem keine Jupitermonderscheinung; Mond und Mars kommen spät. Dunkelheit setzt sehr spät ein, also bleiben nur -- Doppelsterne!

Im Licht des Sonnenuntergangs baue ich auf; ich muss noch ein wenig herumbasteln und kann das Tageslicht gut gebrauchen. Und das Rohr kann auskühlen, denn ich möchte die Doppelsterne auch mit der WebCam einfangen. Spaziergänger zeigen sich erstaunt über meine Dämmerungsaktivität, nur eine Gruppe Mountainbiker zeigt sich nicht überrascht. Im Vorbeifahren sagen sie nur: "Siehst, <em>das</em> ist ein Teleskop, nicht das Zeug, das überall in den Auslagen herumsteht." Und fuhren weiter. Die Fragen der Bustouristen aus Bayern kann ich noch beantworten, doch bei der Gruppe aus Frankreich muss ich sprachlich passen.

Die WebCam. Ich habe eines der letzten Stücke der ToUCam Pro, offizielle Bezeichnung PCVC740K, neu erstanden, da meine alte ToUCam schon deutliche Alterungserscheinungen aufweist - zu viele defekte Pixels an recht markanter Stelle. Aber wer denkt, man braucht die neue Kamera nur anzustecken, der irrt. Irgendein Gelaber von "Microsoft Signature", "New USB Device" und so, und nichts geht mehr. Weder die alte noch die neue Kamera. Ein paar heftige Flüche und Reboots später geht wenigstens die alte Kamera wieder. Fazit: Man muss wirklich die Software neu installieren, und zwar die, die mit der Kamera mitgeliefert wird. Als ob jemand Kameras raubkopieren würde!

Nun gut, ich bin startklar. Es ist hell, der Himmel blau. Ich finde im Blindflug Arcturus (ein ungefähres Gefühl, wo Süden ist, und die Höhenangabe von TheSky erleichtern die Sache allerdings). So kann ich das Rohr zentrieren. Mit TheSky geht es von Doppelstern zu Doppelstern, während es langsam - sehr langsam - dunkel wird.


Pi Bootis. Ein sehr schöner Doppelstern, Abstand der beiden bläulichen Komponenten 5,5 Bogensekunden, Helligkeiten 4,9 und 5,8 mag. Ein Klassiker, schon für kleine Fernrohre sehr schön.

Im 50mm Plössl-Okular lieb, im 21mm Pentax-Okular schon fast zu gut getrennt.

Mit der WebCam kommen trotz des hellen Himmels die Farben sehr gut heraus. Das Stacken und die Nachbearbeitung mit Registax sind bei Doppelsternen allerdings eine Wissenschaft für sich!

Alle Aufnahmen werden hier im gleichen Maßstab wiedergegeben und das runde Feld hat einen Durchmesser von 2 Bogenminuten = 120 Bogensekunden.
Epsilon Bootis. Das Seeing ist nicht gerade berühmt, doch der sehr schöne Doppelstern ist im 21mm Pentax-Okular blickweise zu trennen.

Das Objekt ist wegen des Helligkeitsunterschieds schwierig: Der Hauptstern hat 2,5 mag, der Begleiter nur 4,9 mag, und das bei einem Abstand von nur 2,9 Bogensekunden. Dafür wird man mit einem wunderschönen Farbkontrast entschädigt, der Hauptstern ist leicht rötlich, der Begleiter bläulich. Dies hat dem Stern mit dem offiziellen Namen Izar auch den Beinamen "Pulcherrimma" - die schönste - eingebracht.

Bei der Aufnahme mit der WebCam spielt das Seeing arg mit und daher erscheint der Hauptstern verformt. Da die Qualitätsschranke von Registax hier nicht ausreicht, bliebe als Ausweg nur mehr das Handverlesen der einzelnen Frames, was ich wegen des Aufwands hier zunächst einmal nicht mache, sondern mir einfach mit einem Gaussfilter helfe.


Xi Bootis. Ein recht weiter Doppelstern mit 6,7" Abstand, aber großem Helligkeitsunterschied: 4,7 und 6,9 mag.

Im 21mm Pentax-Okular weit, aber noch recht nett.

Mit der WebCam stosse ich hier an die Empfindlichkeitsgrenze. Der rund 7mag schwache Begleiter geht bei diesem Seeing schon fast unter. Nur mit sehr viel "Nachbrenner" kann ich ihn noch erfassen.

Logische Konsequenz dieser bei jedem Objekt individuell vorgenommenen Abstimmung: Während die Dimensionen bei allen Aufnahmen an diesem Abend vergleichbar sind, sind es die Helligkeiten leider nicht.
Zeta Bootis. Sehr enger Doppelstern, der selbst im 14mm Pentax nur andeutungsweise zu trennen ist. Der Abstand der beiden recht hellen Komponenten (4,8 mag) beträgt nur 0,8 Bogensekunden!

Wieso erscheint der Stern dann auf der Aufnahme so schwach? Das liegt an der Filterung. Um die beiden Komponenten zumindest ansatzweise trennen zu können (mit 3m Brennweite gelingt das ohnedies nicht, das Objekt erscheint nur länglich), musste ich zunächst alle der rund 160 Frames händisch betrachten und die brauchbaren auswählen (diese Funktion bietet Registax auf recht komfortable Weise). Dann wurde gestackt und anschliessend nicht mit Tiefpass-, sondern mit Hochpassfilter gearbeitet, um die Seeingscheibchen wegzubekommen und nur den Kern des Objekts - den länglichen Doppelstern. Etwas mühevoll, um dann nur drei belichtete Pixels, in die die zwei Sterne fallen, zu erhalten. Das nächste Mal bei besserem Seeing mit Barlow-Linse ...


My Bootis. Ein wunderschöner Dreifachstern. Das sehr weite Paar My1 - My2 Bootis ist 109" getrennt, also fast zwei Bogenminuten. My1 ist mit 4,3mag auch sehr hell. My2 ist wiederum ein Doppelstern mit 7,0 und 7,6 mag in 2,2" Abstand.

In der WebCam-Aufnahme - das Feld wurde wie gesagt zwei Bogenminuten gross gewählt - ist My1 links unten, My2 rechts oben am Rand, deutlich doppelt.

Auch hier ist My2B mit 7,6 allerdings schon ziemlich an der Grenze dessen, was die WebCam mit 1/25s aufnehmen kann.
Zeta Coronae Borealis. Ein Klassiker. 5,0 und 6,0 mag mit 6,3" Abstand machen diesen Doppelstern mit seinen beiden bläulichen Komponenten zu einem idealen Objekt für kleine Fernrohre.

Auch bei der WebCam-Aufnahme muss ich nicht viel tricksen. Mit einem starken Gaussfilter werden die vom Seeing verzerrten Sternbildchen ordentlich weichgezeichnet, fertig.


Eta Coronae Borealis. Eine weitere Herausforderung. Die beiden 5,6 und 5,9 mag hellen Sterne haben derzeit einen Abstand von nur 0,6 Bogensekunden, Tendenz bis 2007 noch fallend!

Im 7mm Pentax-Okular sind sie blickweise zu trennen - wie übrigens der wesentlich tiefer stehende Gamma Virginis auch noch.

Mit der WebCam werden sie zur Herausforderung der besonderen Art. Mit den gleichen Tricks wie bei Zeta Bootis gelingt es mir, das Objekt zumindest länglich abzubilden. Um die beiden Sterne vollsändig zu trennen, hätte ich wesentlich besseres Seeing benötigt, um eine Barlowlinse einsetzen zu können.
Alpha Herculis. Für mich einer der schönsten Doppelsterne überhaupt. Der Hauptstern (seine Helligkeit ist zwischen 3 und 4 mag veränderlich) ist ein deutlich roter M-Stern, der 5,4 mag helle Begleiter ist tiefblau, der Farbkontrast ist wesentlich stärker als bei Albireo. Die Distanz von 4,9" macht das Objekt zu einem Zuckerl für kleinere Fernrohre oder nicht allzu starke Vergrößerungen.

Im 21mm Pentax-Okular ist der Stern wirklich ein Traum!

Für die WebCam stellt er in punkto Nachbearbeitung auch keine allzu grosse Herausforderung dar.


Zum Vergleich der Klassiker, Epsilon Lyrae.

Die beiden Doppelsterne sind 209" getrennt (daher hier auch das 240" = vier Bogenminuten grosse Feld).

Epsilon 1 (links unten) mat 5,0 und 6,1 mag bei 2,5" Abstand, Epsilon 2 (rechts oben) 5,2 und 5,5 mag bei 2,4" Abstand - er ist der gleichmäßigere der beiden Sterne.

Es war knapp; nur durch Ausrichtung an der Diagonale der Kamera konnte ich Epsilon 1 und 2 noch gemeinsam aufnehmen. Aber als Vergleich für die anderen Objekte musste es einfach sein!

Nicht aufgenommen, aber beobachtet habe ich noch die Doppelsterne Gamma Virginis (getrennt, tortz geringer Höhe und schlechtem Seeing) und Rho Herculis.

Gegen 22.30 Uhr MESZ wird es dann doch so dunkel, dass auch die helleren Deep Sky Objekte möglich werden. Zunächst einmal M57, ja, sehr nett im 21mm Pentax. Dann der kleine, sehr helle planetarische Nebel NGC 6210 im Herkules. Und schliesslich M13 und M92.

Bei M13 bleibt mir dann aber doch der Mund offen. So gut aufgelöst, so brilliant und - ruhig! Das ist einen langen Blick durch 14mm Pentax wert.

So wurde es doch ein ergiebiger und wieder einmal lehrreicher, lauer Abend.