Beobachtungsnacht

Raiffeisen-Volkssternwarte Mariazell, 29. 06. 2003

20030629api21.html

Beobachter:Alexander Pikhard
e-Mail:apikhard@utanet.at
Datum:29. 06. 2003
Zeit:21.30 bis 03.30 MESZ
Ort:Raiffeisen-Volkssternwarte Mariazell
Instrument:16" Meade LX-200, StarlightXpress MX916, Philips ToUCam Pro
Bedingungen:

Durchsicht:sehr gut (1)
Aufhellung:sehr gut (1)
Seeing:schlecht (4)
Freis. vis. Grenzgroesse:6.5
Temperatur:12 °C
Wind:kein
Bemerkungen:Anfangs Cirren, dann sehr klar.

Bericht:

Es ist ein recht spontaner Entschluss und eine nicht ganz stressfreie Angelegenheit, doch Neumond, gutes Wetter und ein nicht allzu guter Wetterbericht für die nächsten Tage reifen: Diese Nacht verbringe ich auf der Mariazeller Sternwarte. Richtig, es ist die Nacht von Sonntag auf Montag. Der Plan: Anreise am Abend, Beobachten bis zur Dämmerung, ein paar Stunden Schlaf auf der Sternwarte und dann am Morgen ins Büro. Sollte klappen. Tat es auch. Bei Günther Eder kläre ich telefonisch ab, ob die Sternwarte frei ist, und reserviere sie gleich. Jetzt muss nur mehr das Wetter passen.

Der Abend

Ein malerischer Abend liegt über Mariazell. Die letzten Gewitterreste haben sich aufgelöst und einige Cirren tun es ihnen gleich, wobei sie im Licht der untergegangenen Sonne ein farbenprächtiges Panorama malen, das ich nur andeutungsweise im Bild festhalten kann.


Abendpanorama von Süden bis Nordnordwesten.

In der Dämmerung nehme ich einige Justierungen vor, dann setze ich mich einfach in den Kuppelspalt und genieße die Stille des Abends. Nur eine Katze schleicht unhörbar über die Wiese und ein paar letzte Vögel unterhalten sich im Wald, bevor es wirklich ruhig wird. Ich genehmige mir eine Flasche Null-komma-Josef und bin eigentlich wunschlos glücklich. Doch halt, ich möchte ja noch was tun, also ab an die Arbeit ...

Jupiter und Doppelstern

Erstes Objekt in dieser Nacht ist natürlich Jupiter. Tief, vom (schlechten) Seeing zerrüttet, gibt er nicht mehr viel her. Oder doch? Da sind immer noch ein paar interessante Details in den Wolkenbändern, die WebCam kommt erstmals zum Einsatz.


Jupiter; tief, aber immer noch spannend


Epsilon Bootis

Nach Jupiter zur Abwechslung ein Doppelstern - Epsilon Bootis (Izar). Er ist wirklich deutlich getrennt, fein, in größerer Höhe ist das Seeing doch nicht ganz so schlecht. Die WebCam bringt den wunderschönen Farbunterschied dieses Doppelsterns auch wirklich gut heraus.

Noch einmal ist eine Pause angesagt, doch dann wird es - lange nach 22 Uhr - endlich so dunkel, dass ich mit CCD-Aufnahmen beginnen kann.

Deep Sky-CCD

Ich habe mir für heute Nacht einige wenig bekannte Objekte am Sommerhimmel vorgenommen. "Grottenschlechtes" Seeing macht die tieferen Regionen im Süden uninteressant (Ob ich schon jetzt den Mars aufgeben soll? Ach was, aufgegeben wird höchstens ein Brief!)

Da neben dem Seeing auch die Nachführung des LX-200 nicht ganz so mitspielt, verkürze ich auf f/6.3 (F=2400mm) und mache Serien zu je 20 Sekunden Belichtungszeit. Ein bewährtes Rezept, wenig Dunkelstrom und man kann etwaigen Ausschuss gut aussortieren.

Hier die ersten Objekte:


Der Kugelsternhaufen M3 zum Einstimmen,
10 x 20 Sekunden


Der offene Sternhaufen M11 im Schild, 9 x 20 Sekunden

Jetzt zu weniger bekannten Objekten (meist sind es Kugelsternhaufen):


Der Kugelsternhaufen M14 im Schlangenträger,
9 x 20 Sekunden


Der planetarische Nebel NGC 6309 ("Box Nebula")
im Schlangenträger, 11 x 20 Sekunden. Grausiges Seeing!


Der Kugelsternhaufen (!) NGC 6366 im Schlangenträger,
10 x 20 Sekunden


Der Kugelsternhaufen NGC 6517 im Schlangenträger,
8 x 20 Sekunden.


Der Kugelsternhaufen (!) NGC 6535 in der Schlange,
6 x 20 Sekunden


Der Kugelsternhaufen NGC 6539 in der Schlange,
10 x 20 Sekunden.


Der Kugelsternhaufen (!) Palomar 7 in der Schlange,
9 x 20 Sekunden


Der planetarische Nebel NGC 6781 im Adler,
13 x 20 Sekunden.

Günther Eder kommt mit Anneliese Haika und zwei ihrer amerikanischen Verwandten kurz auf die Sternwarte. Im Rahmen einer kurzen Führung zeigt sich, dass die "Klassiker" heute auch sehr schön sind und nach dem Ende dieser Führung, allein im grenzenlosen All, nehme ich mir auch ein paar dieser Objekte vor - und es hat sich gelohnt!


Der Adlernebel M16, 22 x 30 Sekunden.
Die legendären "Pillars of Creation", leider
bei sehr schlechtem Seeing.


Der Haneltnebel, 11 x 20 Sekunden


Und als Krönung: M51, 30 x 20 Sekunden

Das sind wirklich Klassiker, fein. Doch jetzt ist Mars schon aufgegangen. Doch zuvor habe ich noch andere Pläne ...

Pluto

Das LX-200 ist sehr genau aufgestellt, die Steuerung (TheSky Level IV Version 5) sehr genau geeicht. Jedes Objekt, das ich anfahre, ist in der Mitte des Chips meiner CCD-Kamera. Also kann eigentlich nichts schiefgehen. Eine 20 Sekunden lang belichtete Aufnahme reicht.


Pluto ...

Wenn Sie, werte Leserinnen und Leser meines Berichts, jetzt einwerfen, das kann ja jeder behaupten, dann haben Sie natürlich zunächst Recht. Doch das Objekt in dieser (übrigens ultrahart gefilterten) Aufnahme ist Pluto. Wie ich das behaupten kann? Nun, indem ich die anderen Sterne identifiziert habe. Womit macht man das? Mit Aladin, dem interaktiven Sternatlas des Centre de Données astronomiques de Strasbourg. Dieses Profi-Werkzeug ist praktisch die einzige Möglichkeit, die schwachen Sterne zu identifizieren (lokal kann man sich mit dem USNO-Sternkatalog helfen, den man zu Programmen wie TheSky und AstroArt dazu laden kann).

Ich zentriere Aladin auf jene Position, die TheSky für Pluto auswirft.


Das Aladin-Kartenblatt

Jetzt ist es ganz einfach, denn die Orientierung von Karte und Aufnahme ist gleich. Der überflüssige "helle" Punkt ist Pluto. Die Aufnahme zeigt (leicht) Sterne bis 19 mag, und das bei diesem Seeing. Pluto hat 13,7 mag. Charon ist nicht zu sehen; er stünde nur rund 2 Bogensekunden von Pluto entfernt und da reichen Grenzgröße und Abbildungsmaßstab noch nicht. Wird wohl eines meiner nächsten Projekte werden.

Uranus und Neptun

Ermuntert durch Pluto mache ich mich auf die Jagd nach Uranus- und Neptunmonden. Doch bald erkenne ich, dass es bei Uranus ein echtes Identifikationsproblem wird. Der Planet steht in einer sternreichen Gegend und ich brauche wieder Aladin, um die Spreu vom Weizen - nein, die Sterne von den Monden zu trennen.


Uranus und Monde (8 x 20 Sekunden)

He, und wie kommt man darauf, dass ausgerechnet das die Uranusmonde sind? Nun, jetzt brauche ich schon zwei Hilfsmittel. Zum einen Aladin. Ich zentriere Aladin auf jene Position, die TheSky für Uranus auswirft. Keine Übereinstimmung. Nanu? Ach ja, TheSky gibt Koordinaten für mittleres Äquinoktium des Datums aus, Aladin braucht J2000. Also rasch zu Starry Night. Das gibt auch J2000-Koordinaten aus, und die passen. Fünf Referenzsterne sind leicht zu identifizieren, Uranus steht inmitten einer Sterngruppe, die wie das Kreuz des Südens aussieht, aber aus Sternen 16,9 mag bis 18,4 mag besteht.


Das Aladin-Kartenblatt

Und die Monde? Den Positionen, die Starry Night ausgibt, vertraue ich zunächst nicht und gehe lieber zu den Profis: Zum JPL. Der JPL Solar System Simulator ist das genaueste Werkzeug zur Identifikation von Planetenmonden.


JPL Solar System Simulator für Uranus

Doch die Positionen von Starry Night stimmen. Miranda, Ariel und Umbriel stehen zu nahe bei Uranus, aber Titania und Oberon haben eine grosse Elongation. Zusammendoktorn muss man sich die Daten Aus dem JPL Solar System Simulator schon, denn das System des Uranus ist 98° genigt. Das ist Starry Night wieder praktischer. Also: Zwei Monde sind wirklich ganz deutlich, die anderen gehen im Licht des Planeten unter. Ein Fall für die Barlowlinse, aber keine Chance bei dem Seeing!


Neptun und Triton (8 x 20 Sekunden)

Neptun ist da heute viel einfacher, Triton ganz eindeutig. Aber so beim Auswerten der Aufnahmen merke ich, was Astronomie wirklich ist: Ein paar Daten automatisch sammeln (die Aufnahmeserien laufen alle vollautomatisch, ich muss nicht eingreifen), aber dann lange am Computer auswerten, was man da beobachtet hat. Objekte auf Aufnahmen identifizieren mit Aladin & Co., ein typisches Astronomie-Praktikum.

Und schließlich: Mars und Marsmonde

Mars steht jetzt schon recht hoch. Vorhin hat er noch gefunkelt - da schaue ich mit dem Fernrohr gar nicht erst hin -, doch jetzt scheint es zu gehen. Ich richte das Teleskop zum Mars. Ui, nicht berauschend. Aber wenn ich schon einmal da bin, muss die WebCam ran.


Mars: Original (links) und Simulation

Na ja. Geht besser. Barlowlinse? Keine Chance. Ich bekomme keinen Fokus mehr. Es wird schon merklich dämmrig. Ich montiere noch einmal die CCD-Kamera, zum ultimativen Finale. 10 x 20 Sekunden belichte ich den Roten Planeten mit der CCD-Kamera, das Summelbild zeigt einen riesigen, überbelichteten Fleck.


Aus diesem Bild holen wir jetzt die Monde heraus

Das Bild ist natürlich nicht überbelichtet, es stimmt nur die Skalierung nicht. Mit viermaligem (!) Anwenden eines logarithmischen Maßstabs und dem (heute schon öfter strapazierten) Dekonvolutionsverfahren nach Lucy-Richardson ensteht dann ein Bild, in dem ich "nur" mehr mit Aladin und dem JPL Solar System Simulator die Monde Phobos und Deimos identifizieren muss.


Zur Vorbereitung: Aladin. Man beachte die fünf markierten Sterne.


Zur Vorbereitung: JPL Solar System Simulator

Wir müssen gedanklich die beiden Bilder über einander legen. Das vierfach logarithmierte und mit (hartem) LR-Filter bearbeitete Bild ist voller Artefakte, doch das ist jetzt erlaubt. Mir geht es einzig und allein um das Identifizieren der Sterne und der Monde in der Nähe des Mars.


Da sind sie - oder?

Die fünf Sterne 1 bis 5 haben scheinbare Helligkeiten (V) von 15,4 bis 18,3 mag. Ich schätze die beiden Monde auf 15 bis 16 mag, also wesentlich schwächer als Starry Night angibt und auch schwächer als im Astronomical Almanac angegeben; liegt wohl an der Ausarbeitung, visuell wird das aber sehr, sehr schwierig.

Eine Unsicherheit bleibt allerdings: Stern 3 und Deimos müssten fast an der gleichen Stelle stehen. Das als Phobos markierte Objekt ist fraglich, denn es steht etwas zu weit von Mars entfernt. Aber was ist es dann? Ein Asteroid, der mir das Leben noch schwerer macht, als es ohnedies schon ist? Das aber macht Wissenschaft so spannend: Eine Beobachtung wirft neue Probleme auf und so freue ich mich schon auf den nächsten Versuch!

Ich lege die Sternwarte und mich schlafen. Es ist schon recht hell draussen. Ein wunderschöner Morgen weckt mich. Motiviert fahre ich Richtung Wien.

Fazit: Wow, cool!