| Beobachter: | Alexander Pikhard | ||||||||||||||||
| Datum: | 05. 12. 2003 | ||||||||||||||||
| Zeit: | 19.30 bis 22.30 MEZ | ||||||||||||||||
| Ort: | Ebenwaldhöhe | ||||||||||||||||
| Instrument: | 12" Meade LX-200, Olympus Camedia C-3000, Philips ToUCam Pro | ||||||||||||||||
| Bedingungen: |
| ||||||||||||||||
| Bericht: | Ein Wechselbad der Gefühle. Der seit Tagen wetterbestimmende Hochnebel beginnt sich im Vorfeld einer Kaltfront auzulösen und noch einmal könnte es in den Bergen gute Beobachtungsbedingungen geben. Aber der Mond ... nur wenige Tage vor dem Vollmond wird er vom Himmel nichts übrig lassen. Wir haben Dezember und der Mond steht so hoch am Himmel wie die Sonne im Juni. Andererseits - schon lange keine Sterne vorm Teleskop gehabt. Nach längerem Hin und Her entschliesse ich mich dann doch, auf die Ebenwaldhöhe zu fahren. Ausgerüstet mit jeder Menge warmer Kleidung, heissem Tee, etwas Proviant und natürlich der Ausrüstung. Mal sehen, was geht. Auf der A1 nach Westen, das wollen heute Abend vor diesem langen Wochenende wohl viele. Stau auf der Westausfahrt. Dann über die Autobahn. Es ist trocken, die Nebeldecke hoch über mir. Ausfahrt Altlengbach. Wie süss, Neustift-Innermanzing leuchtet weihnachtlich dekoriert, fast amerikanisch. Auf der Klammhöhe dann dichter Nebel. Aha, die Untergrenze liegt also bei etwa 800m. Wie hoch wird die Obergrenze sein? Hinunter nach Hainfeld. Das Tal liegt unter der Nebeldecke. Abzweigung nach Kalte Kuchl. Vor Kleinzell die berühmte letzte Kurve. Hier, am Ende der schmalen Klamm, endet oft der Hochnebel. Heute nicht. Hochnebel auch über Kleinzell. Ich biege ab Richtung Ebenwaldhöhe. Noch vor der zweiten Kehre tauche ich erneut in den Nebel ein. Hier liegt die Untergrenze schon bei etwa 700m. Sichtweite: Keine 10 Meter! Jetzt weiss ich, warum die Strasse in den Spitzkehren gepflastert ist. Damit man die Kehren wenigstens hört! Ich taste mich im Schrittempo empor, kann die Strasse nur erahnen. Gut, dass ich sie so gut kenne. Das war jetzt wohl der Steinbruch. Nach rechts. Stimmt. Jetzt die letzte Kehre. Am Rumpeln zu erkennen. Der Nebel wird noch dichter. Ein Wegweiser taucht auf. Es ist die Abzweigung zum Gasthof Gaupmann. Hier kann man heute also nicht beobachten. Ein gerades Strassenstück, dann ein paar gezogene Kurven. Vor mir taucht etwas tiefschwarzes auf - das Ende des Nebels! Wie eine Wand. Wie im Flugzeug! Ich bleibe kurz stehen, die Obergrenze des Nebels knapp unter mir und unglaublich dicht. Darüber: Sterne! Ich fahre weiter. Was ist das für ein Licht? Folgt mir ein Fahrzeug? Ein Blick in den Rückspiegel beweist: Nein. Das Licht, es ist der Mond. Er steht so hoch am Himmel, dass ich ihn aus dem Auto nicht sehen kann, aber wenn er zwischen den Bäumen hervorscheint ist es, als würde mich jemand "anblinken". Ich erreiche das Plateau. Ich schalte von Fernlicht zuerst auf Abblend-, dann sogar auf Standlicht. Es ist durch den Mond ohnedies so hell, dass man eigentlich gar kein Licht braucht. Doch die Rücksichtnahme war umsonst: Es ist niemand hier. Der grosse Parkplatz auf der Ebenwaldhöhe ist einsam und verlassen. Ein Blick ins Tal, Richtung Osten, zeigt die dichte Nebeldecke, über die sich der Unterberg erhebt.
Ein heftiger, stetiger Wind bläst anfangs von Südwesten, im Lauf des Abends dreht er auf Nordwesten. Ohne den Wind wäre es gar nicht so unangenehm. Ich baue auf. Die Taukappe kann ich heute getrost im Auto lassen, sie ist nur ein Windfang und das Rohr zittert auch ohne diesen langen Fortsatz ordentlich, trotz der massiven Gabel. Mit Feuchtigkeit habe ich heute sicher nicht zu kämpfen. Jetzt habe ich alles aufgebaut. Ein Blick durchs Okular zu einem Stern zeigt enormes Tubus-Seeing, ich lasse das Rohr jetzt erst einmal auskühlen und gönne mir eine kleine Mahlzeit. Ein Auto nähert sich, bleibt kurz stehen, fährt weiter. Es ist das einzige an diesem Abend, das vorbeikommt. Irgendwie unheimlich. Oder doch nicht. Der Mond taucht die Landschaft in so helles Licht, dass es mir nach einiger Dunkelanpassung so vorkommt, als wäre es Tag. Ich kann sogar das Grün der Wiese als solches erkennen. Der Tubus ist noch immer nicht augekühlt und ich fotografiere daher die Gegend im Mondlicht. Eine Cirre verschandelt mir den aufgehenden Orion, doch ich habe jede Zeit der Welt und warte ab, bis sie weg ist, nein, bis sie malerisch neben dem Orion steht.
Ich schwenke zum Mond. Ui, ist der hell! Der Terminator verläuft an zwei markanten Punkten vorbei: Im Norden Aristarch mit dem Schötertal dicht an der Schattengrenze, im Süden der Rand des Mare Humorum mit dem flachen Krater Gassendi und einigen Rillen. Zuerst einmal eine Gesamtaufnahme mit der Digitalkamera durch das bewährte 50mm Plössl. Dann kommt auch hier die Webcam zum Einsatz. Erstaunlicher Weise ist das Fokussieren nicht schwierig. Der Motorfokus bewährt sich auch bei Sturm.
Durch dieses technische Abenteuer und die Einsamkeit auf der Ebenwaldhöhe fühle ich mich in die Rolle eines Astronauten versetzt, der auf einer Aussenmission auf einer fremden Welt ganz auf sich gestellt ist. Auch der Funkverkehr ist lahmgelegt, soll heissen, mein Handy bekommt heute auch keinen Empfang. So kann ich nicht einmal mit der fernen "Basis" in Mariazell Kontakt aufnehmen, wo auch fleissig beobachtet wird. Bei einer Tasse Tee lasse ich den Blick über den aufgehellten Himmel schweifen und denke an die Marsmissionen, die jetzt bald ihr Ziel erreichen werden. Und an Cassini, die zum Saturn fliegt. Und dort schwenke ich jetzt auch hin.
Genug der Fotografiererei. Ich sattle auf visuell um, mehr als ein 40mm Pentax ist aber nicht sinnvoll bei der Aufhellung und dem Seeing. Orion steht schon hoch und der Orionnebel ist ein lohnendes Ziel. Er sieht heute aus wie aus der Stadt, und auch ein UHC-Filter bringt nicht wirklich viel. Der Mond, jetzt in Kulmination in 55° Höhe, und leichte Cirren bringen alle schwächeren Objekte um. Aber die Stimmung, sie ist einmalig schön! Beim dem Licht könnte man hier sogar bequem wandern.
Offene Sternhaufen sind das Ziel. Die Fuhrmann-Haufen M36, M37 und M38 trotzen dem Mondlicht und sind bei der guten Durchsicht durchaus lohnende Objekte. Auch M35 ist sehr schön. Doch ein schwierigeres Objekt habe ich mir noch vorgenommen: Den Kometen C/2002 T7 (LINEAR).
Er steht heute noch dazu recht nahe beim Mond, doch dank der
mitgebrachten Ephemeride kann ich ihn so genau einstellen, dass ich
nicht lange suchen muss. Der Kopf des Kometen ist gut auszumachen (ca.
8mag, wenn nicht sogar heller) und es zeigt sich sogar ein breit
gefächerter Schweif. Ich bewundere den Kometen einige Zeit und
denke daran, wie er wohl im Mai aussehen wird, wo er gemeinsam mit
C/2001 Q4 (NEAT) den Sternenhimmel in Namibia verzieren wird. Es ist
mein erster Blick auf einen der beiden Namibia-Kometen von 2004.
Ich kann es drehen und wenden wie ich will, es gibt jetzt nicht mehr zum Beobachten. Es ist zu hell. Die Landschaft liegt vor mir als wäre es Tag, zumindest ist meine Wahrnehmung entsprechend angepasst. Doch auch ein Panoramafoto bestätigt das.
Von Norden her ziehen einige Cirren auf, Vorboten der Kaltfront, die dann übrigens nicht so schlimm wird, wie vorhergesagt. Aber bitte. Ich baue jedenfalls ab. Viel Licht ist nicht notwendig. Doch dann muss ich noch einmal durch den Nebel. Er hat sich um ca. 100m gesenkt, der Gasthof Gaupmann liegt jetzt genau oberhalb der Nebelgrenze, und dann tauche ich ein, und im Schrittempo geht es nach Kleinzell, wo sich der Nebel erst bei der erste Kehre (von unten) wieder lichtet. Es war keine umwerfende Beobachtung, aber es hat enorm gut getan, wieder einmal Sterne zu sehen. |