Beobachtungsabend

Wien 21, 28. 04. 2005

20050428wvo21.html

Beobachter:Wolfgang Vollmann
Datum:28. 04. 2005
Zeit:21.00 bis 00.30 MESZ
Ort:Wien 21
Instrument:Refraktor 130/1040mm
Bedingungen:

Durchsicht:gut (2)
Seeing:gut (2)
Freis. vis. Grenzgroesse:5.0

Bericht:

Bei recht klarem Himmel ist Komet C/2004 Q2 (Machholz) hoch oben etwas nördlich des Himmelswagens gut sichtbar. Um 23h00 MESZ sehe ich bei 35-facher Vergrösserung den Kometen als kleines rundes Wölkchen mit 4 Bogenminuten Durchmesser, deutlich zentral verdichtet mit etwas flächiger Mitte und einem sternartigen Kern. Die Gesamthelligkeit schätze ich auf m1 = 9,8mag ± 0,3mag mit insgesamt 10 Vergleichssternen.

Das ist etwa eine Grössenklasse schwächer als ich erwartet habe -- bisher ist der Komet nicht so "eingebrochen". Es kann ein gut bekannter Effekt sein: bei nicht ganz dunklem Himmel am Stadtrand von Wien schätze ich einen schwächeren Kometen normalerweise unverhältnismässig schwach. Warum: die äusseren Bereiche der Koma kann ich durch den aufgehellten Himmel nicht sehen, der Komet erscheint mir also kleiner. Die Vergleichssterne müssen zum Schätzen auf den Kometendurchmesser defokussiert werden. Bei kleinerem wahrgenommenem Durchmesser reicht also auch ein schwächerer Vergleichsstern um gleichhell mit dem Kometen zu erscheinen. Bei dunklerem Himmel wird der Komet also deutlich heller geschätzt. Die Vergleichsbeobachtungen auf der "Comet Observation Home Page" scheinen meine Vermutung zu bestätigen. Die Zeit des genauen Helligkeitsschätzens für diesen Kometen ist also unter meinen Sichtbedingungen vorbei....

Bei 115x ist der sternartige Kern des Kometen deutlich zu sehen und etwa 12mag hell. Er sieht eher wie ein Stern aus der durch die Koma leuchtet, aber auf meiner Sternkarte ist keiner verzeichnet. Also wird es wohl der Kometenkern sein (zumindest der innerste helle Teil um den Kern, der sogenannte "falsche Kern" -- der eigentliche Kometenkern ist so klein dass er im Fernrohr nicht gesehen werden kann).

Natürlich probiere ich auch das Flugziel der "Deep Impact" Raumsonde zu sehen: den Kometen 9P/Tempel 1. Von Epsilon Virginis aus ist das Zielgebiet schnell erreicht und ich versuche den Kometen zu sehen. Dort im Süden in halber Himmelshöhe ist der Himmel bei mir durch Wien viel deutlicher aufgehellt als hoch oben im Norden. Daher ist es schwierig.... am besten ist noch bei 55-facher Vergrösserung ein schwacher Schimmer zu sehen. Der Komet ist aber nur bei indirektem Sehen zu erkennen und nicht direkt zu halten, das verlangt dunkleren Himmel.... die Gesamthelligkeit schätze ich auf m1 = 11mag und den Komadurchmesser auf 2,5'. Eine zentrale Verdichtung kann ich nicht wahrnehmen -- kein Wunder bei der Lichtschwäche....

Epsilon Virginis (ε Vir) ist mir beim Aufsuchen aufgefallen: der Stern erschien bei 35x auffallend gelb, sogar mit einer Spur rot darin. Nachsehen im Katalog zeigt mir den Spektraltyp als G8 IIIab, also ein "gelber Riese".

Ein noch viel röterer Stern in der Jungfrau ist der Kohlenstoff-Stern SS Virginis. Der Stern erscheint mir heute deutlich gelb-rötlich. Er ist ein roter Riese vom Spektraltyp N und hat einen Farbindex B-V von etwa 4mag: das heisst er erscheint im visuellen 4 Grössenklassen heller als im blauen Licht, da er hauptsächlich rot und infrarot leuchtet. Da er wie viele rote Riesen seine Helligkeit im Verlauf von Wochen und Monaten deutlich wahrnehmbar ändert ist der Stern ein gutes Ziel für ein kleines Beobachtungsprogramm Veränderlicher Sterne. Ich schätze heute seine visuelle Helligkeit mit der AAVSO Karte auf 9,3mag.

Ganz in der Nähe ist ein weiteres Objekt, das ich häufiger aufsuche: der Quasar 3C 273 in der Jungfrau. Der Quasar erscheint sternförmig und ist ganz leicht veränderlich: auf 12,7mag schätze ich heute seine Helligkeit. Das ist bei höherer Vergrösserung (208x) nicht schwer zu sehen, da der aufgehellte Stadthimmel so abgedunkelt wird. 3C 273 ist das fernste Objekt Objekt, das mit kleinen Amateurfernrohren ab etwa 80mm Durchmesser erkennbar wird: 2 Milliarden Lichtjahre weit, etwa 1000x so weit entfernt als die Andromeda-Galaxie M 31. Bei der AAVSO gibt es Aufsuchekarten: Überblickskarte und genaue photometrische Karte. Bei der AAVSO ist der Quasar auch der aktuelle "Veränderliche der Saison".

Bis Mitternacht gehen sich noch einige schöne Anblicke aus, vor allem Jupiter ist bei gutem Seeing wunderbar detailreich zu erkennen. Aber schliesslich bin ich auch müde und geh ins Bett.