Wir haben schon viele eingenartige Tage in der Astronomie erlebt, aber dieser erreicht dennoch eine gewisse Einzigartigkeit. Man könnte die Stimmung am besten mit "Protest" beschreiben, und zwar Protest gegen Wetter, Wetterprognosen und überhaupt.
Die Wetterprognosen für den heutigen Abend sind nämlich hoffnungslos. Ab Mittag ist Regen prognostiziert. An sich eine klare Sache für eine Absage, nur: Das war auch am Vorabend so. Selbst Bolam, zuverlässiges Wettermodell aus Genua, sagte für Freitag Abend geschlossene Bewölkung voraus, und aus dieser gar nicht geschlossenen Wolkendecke funkelte den ganzen Abend lang ein herrlicher Sternenhimmel auf uns herab. Und heute, gegen 16 Uhr, als wir langsam eine Entscheidung treffen sollten, von Regen keine Spur. Im Gegenteil: Die Sonne lacht schon den ganzen Nachmittag vom Himmel, von kurzen Pausen abgesehen.
So denkt um 19 Uhr, als es eigentlich sehr dunkel bewölkt ist, komischerweise niemand an eine Absage, und mit einem eigenartigen Gefühl der Überlegenheit schreibe ich die Zeilen "Heute ab 21 Uhr Sternabend auf dem Cobenzl" in unsere Homepage.
Als wir auf dem Cobenzl eintreffen, ist alles grau in grau. Dunkle Wolken ziehen rasch von Westen herein. Und doch, wir werfen nicht das Handtuch, sondern -- bauen auf. "Zeigen wir wenigstens die Stadt her" ist die einstimmige Ausrede.
![]() Grau in grau präsentiert sich der Abend, ... |
![]() ... und dennoch bauen wir auf |
Instrumentell sind wir heute zwar nicht zahlenmäßig, aber leistungsmäßig gut ausgestattet. Zum 10" LX-200GPS der WAA gesellt sich Claus Thienel mit seinem 14" der gleichen Bauart. Zwei dicke Kanonen warten auf ihren Einsatz und lassen das 1€-Aussichtsfernrohr wirklich sehr alt aussehen.
Es beginnt sogar zu Regnen. Aber von Flucht keine Spur! Die Situation völlig verdrängend bleiben wir einfach stehen. Nach ein paar Dutzend Tropfen hört es ohnedies wieder auf. Na bitte.
![]() Schon blicken die zwei dicken Rohre ... |
![]() ... über die abendliche Stadt |
Und dann passiert das Unglaubliche ...
Als hätten wir es immer schon gewußt, lockert die Wolkendecke auf, und der Mond kommt zum Vorschein. Die ersten neugierigen Gäste, die unsere Installation angelockt hat, freuen sich genauso sehr wie wir, es kommt Sternabend-Stimmung auf.
![]() Der Blick durch ein großes Teleskop begeistert alle, ... |
![]() ... Astronomie macht offenbar großen Spaß! |

Der Mond im Teleskop
Natürlich ziehen jetzt auch noch dann und wann Wolken über den Himmel, doch das macht nichts, vom Cobenzl aus gehen uns die Beobachtungsobjekte nicht aus: Die bunte, pulsierende Stadt unter uns ist reich an lohnenden Zielen fürs Fernrohr.
![]() Was wird denn hier anvisiert? |
![]() Eine Raumstation?! Nein, der Richtfunkturm der Telekom Austria auf dem Arsenal |

Passendes Ziel zum Jubiläumsjahr. Das Belvedere ist fast 10km entfernt!
Dass die terrestrischen Ziele alle auf dem Kopf stehen, stört nicht, ist ja auch recht lustig. Und schnell ist erklärt, dass das Umkehren der Fernrohre bei astronomischen Objekten nicht wirklich stört.
Astronomie - sie kommt uns rasch wieder ins Bewußtsein, denn erneut reißt die Wolkendecke auf. Der Mond ist schon hinter Bäumen verschwunden, aber Jupiter scheint vom Himmel. Der Riesenplanet mit seinen Monden und Wolkenstreifen begeistert unsere Gäste genau so wie der Mond.
![]() Das Ziel lautet hier ... |
![]() Jupiter (links Europa, rechts Io) |
Es bleibt sogar lange genug klar, dass sich eine Webcamsequenz des Planeten ausgeht (Bild oben rechts, verkleinert, 600 Frames à 1/25s). Was wir im 14" visuell für einen Mondschatten hielten, entpuppt sich hier als dunkler Knoten im NEB. Die Aufnahme entstand um 22.47 Uhr MESZ, Norden ist unten, Osten links. 10" LX200 bei F=3750mm.
Knapp 50 Personen besuchen uns an diesem unerwarteten Sternabend, wir führen viele interesante Gespräche. Unser Infozelt, dessen Beleuchtung heute erstmals ohne Generator klappt, erweist sich dabei als sehr hilfreich.
![]() Erläuterungen im gedämpften Licht ... |
![]() ... unseres Informationszeltes |
Was hat uns dieser Abend gezeigt (ausser, was wir ohnedies schon wissen, nämlich dass die Begeisterung für Astronomie enorm ist)? Erstens, dass wir gelernt haben, uns den Spass an unserer Freizeitbeschäftigung vom Wetter offenbar nicht mehr verderben lassen und dafür heute auch mit ein paar schönen Blicken zum Himmel belohnt wurden. Zweitens, aber auch das ist nicht neu, dass man einfach nur ein paar große Fernrohre aufstellen muß, und schon bildet sich eine astronomiebegeisterte Zusammenkunft.
Die Astroszene in der Region hat längst erkannt, dass keine Organisation für die andere eine "Konkurrenz" bedeutet. Dazu ist der Bedarf zu gross, das Angebot immer noch zu klein (vor allem wegen des Wetters). "Unsere", und damit meine ich alle astronomischen Organisationen zusammen, wirklichen "Konkurrenten" sind hunderte Fernsehkanäle, ein gigantisches restliches Freizeitangebot und vor allem die Ignoranz (im Sinne von nicht wissen/wollen) dem Thema gegenüber. Unsere Mobile Sternwarte positioniert sich in dieser Situation erstklassig. Unerwartet ist sie für viele da, spontan, so dass die Neugier überwiegt, Hemmschwellen erst gar nicht aufgebaut werden können. Unaufdringlich ist sie da, bereit, zu erklären, wenn man uns darum bittet. Still, um auch für alle dazusein, die in unserer reizüberflutenden Zeit einen Ausgleich suchen. Ich glaube, das macht ihren Reiz aus.
Zum Schluß beobachten wir sogar noch M13 und Epsilon Lyrae. Deep Sky an einem Abend, den die meisten wohl abgeschrieben hätten. Ein Untertitel? Mir fällt keiner ein. Manches läßt sich in Worten einfach nicht beschreiben ...
Text und Fotos: Alexander Pikhard