Deep Impact

Sofienalpe, 04. 07. 2005

20050704api21.html

Beobachter:Alexander Pikhard
Datum:04. 07. 2005
Zeit:21.30 bis 23.00 MESZ
Ort:Sofienalpe
Instrument:Feldstecher, 8" f/4 Newton Kometensucher, 18" f/5 Starsplitter Dobson
Bedingungen:
Durchsicht:schlecht (4)
Temperatur:+23 °C
Bemerkungen:Sehr stark bewölkt, fast bedeckt
Bericht:

Wir leben in einer phantastischen Zeit, zumindest, was Astronomie anbelangt; wir verfügen mit dem Internet über ein authentisches Medium, das uns live teilhaben lässt an sensationellen Experimenten und Entdeckungen. Wir verfügen über Technologie, die es auch uns Amateuren erlaubt, aktiver Teil dieser hochinteressanten Wissenschaft zu sein.

Wen wundert es da, dass die Begeisterung so gross ist wie nie zuvor? Heute passt das Timing perfekt. Unser Science Update findet nur wenige Stunden nach dem ersten künstlichen Einschlag auf einem Kometen statt. Theatralisch, aber warum auch nicht, hat die NASA den 4. Juli, den amerikanischen Unabhängigkeitstag, für dieses Experiment gewählt. Erstmals wird so Materie aus tieferen Schichten eines Kometen herausgeschleudert und vor Ort von der Sonde untersucht.


Aufmerksam verfolgt ein volles Auditorium im Plutzerbräu die Ausführungen zur Mission

Passender konnte das Thema "Aktuelles von den Kometenmissionen" bei unserem Treffen nicht gewählt sein (natürlich mit Absicht, denn Anneliese, unsere Wissenschaftsredakteurin, hat natürlich Einblick in die laufenden Missionen und das Thema daher bewußt so angesetzt; nur das genaue Datum war ein Glücksfall).

Angel Usunov und Reinhard Tlustos (WAA Jugendgruppe) beeindrucken mit einem perfekt vorbereiteten und vorgetragenen Vortrag - und präsentieren als Höhepunkt Fotos und Videos von Deep Impact, die nur wenige Stunden alt sind. Das ist moderne Wissensvermittlung!

Doch wir fiebern dem Ende des Vortrags entgegen, und kaum verebbt der verdiente Applaus, sind die letzten Fragen beantwortet, bricht eine kleine Gruppe erneut zur Sofienalpe auf. Eine Gewitterfront nähert sich, aber viellicht geht sich doch der Liveblick zu dem Kometen Tempel 1 aus. Wie hell mag er sein? Wird das Wetter halten? Da hilft kein Grübeln, da hilft nur Beobachten. Also fahren wir auf die Sofienalpe ...


Banges Verfolgen der Wolken

Es sind schon einige Beobachter hier. Es sei ihnen verziehen, dass sie den Vortrag "geschwänzt" haben - der Anlass gilt als Entschuldigung. Rasch bauen wir Rolands Instrument auf, und immer wieder blicken wir zu den Wolken, die den Himmel nahezu völlig bedecken.


Aufbau


Big Dob, Jupiter und jede Menge Wolken

Ich gestehe: Auch mein Optimismus beginnt zu versagen. Liegt es an den vielen Wolken oder an der Müdigkeit, die sich durch die Fülle an Veranstaltungen der letzten Tage ergeben hat, ich weiss es nicht. Doch dass sonst keiner aufgibt, baut mich auf; und als dann auch noch Wolfgang Vollmann eintrifft, ist die Motivation wieder da. Ein Wolkenloch bitte!


Durch dieses hohle Loch muss er kommen ...

Und es kommt; noch ist es dämmrig, doch plötzlich ist Spica da, und wir wissen, nahe ihr steht Tempel 1. Bange 20 Minuten beginnen, geprägt durch Hoffnung und Rückschläge, doch dann tauchen die Sterne auf, die wir zur Orientierung brauchen. Rasch das große Rohr eingestellt, im Zweimannbetrieb. Roland am vorderen, ich am hinteren Sucher, so schaffen wir rasch die Position. Ein Blick durch den 8" f/4 Newton, ein echter Kometensucher.

Da ist etwas! Und wieder Wolken. Länger bitte! Ein größeres Wolkenloch läßt keinen Zweifel mehr offen: Wir sehen Tempel 1. Galaxie ist hier keine in der Nähe. Wir sehen Tempel 1! Vor einigen Tagen haben wir das hier bei viel besseren Bedingungen nicht geschafft - er muss heller geworden sein!

Im 8" f/4 Newton erkenne ich eine recht große, sehr diffuse, runde Wolke. Im 18" f/5 Dobson ist die Mitte verdichtet, aber keineswegs konzentriert; ein sternartiger Kern (natürlich die innere Coma) ist nicht zu sehen. Interessant. Wolfgang Vollmann schätzt die Helligkeit des Kometen durch Unscharfstellen der Vergleichssterne, hier sein überraschendes Ergebnis.

Erschöpft, aber zufrieden, bauen wir ab und fahren nach Hause.

Am nächsten Tag, nach der Veröffentlichung der ersten Ergebnisse auf AstroAustria, ernten wir in der Gemeinde Verwunderung; niemand hat sonst einen merklichen Helligkeitsanstieg beobachtet, schon gar nicht um mehr als 3 Größenklassen. Aber wir haben den Kometen gesehen. Was haben wir wirklich beobachtet? Es wird interessant sein, weitere Ergebnisse zu verfolgen.

Wir leben in einer phantastischen Zeit ...