Der zweite Versuch gelingt; vor 14 Tagen musste die erste Space Night - eine gemeinsame Veranstaltung der Strandbar Hermann, der Wiener Urania Sternwarte und der WAA - regebedingt abgesagt werden. Es folgte eine verregnete, kühle, herbstliche Phase, in der niemand mehr an den Sommer glauben wollte.
Und doch; in der Nacht von Sonntag auf Montag kehrte der Sommer zurück. Die zweite Space Night kann stattfinden, warmes, sommerliches Wetter lockt Hunderte an den Strand direkt neben der Urania.

Hunderte sind heute Abend an den Strand gekommen - am Donaukanal, zwischen Urania und
Bürohochhäusern. Doch wenn man den warmen Sand spürt und die Augen schließt ...
Die Gegend um die Urania hat viele Phasen durchlaufen. Bis in die 80er Jahre eine total verschlafene, fast vergessene Gegend. Dann eine abends tote, vom Verkehr durchflutete Bürostadt. Doch heute ist in diesen Stadtteil neues Leben gekehrt. Trendige Inlokale säumen das Ufer des Donaukanals, selbst die Urania beherbergt eines, und lassen vor allem die Nacht pulsieren. Die berühmte Sternwarte, jüngst erst im Stil der Gegend neu renoviert und gerade erst neu eröffnet, mittendrin: Das Publikum ist da, jetzt muss es nur noch aufmerksam gemacht werden.
So entwickelte sich die Idee zur Space Night im "Hermann", dem trendigsten der hiesigen Lokale. Wo sich einst nur Fischer und Liebespaare ein Stelldichein gaben, erstreckt sich heute ein großer -- Sandstrand! Taucht man in die Musik ein, schließt die Augen, spürt den warmen Sand an den Füßen, dann glaubt man sich wirklich an einen ganz anderen Ort versetzt. Und doch, man ist mitten in Wien.
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An einem klaren Sommerabend sind die Sonnenuntergänge am Donaukanal legendär, so auch heute. Immer mehr Menschen strömen ins Hermann, während wir drei Instrumente aufbauen. Eigentlich waren noch mehr geplant, doch angesichts des Gedränges erhöhen wir lieber die Anzahl der Betreuer pro Teleskop. Schon bald tauchen die ersten neugierigen Fragen auf ...
Sonnenuntergang am Strand, dazu die stimmungsvoll beleuchtete Urania
Bald tauchen die ersten Sterne auf. Hoch über uns das Sommerdreieck. Venus und Jupiter stehen für diesen Ort schon fast zu tief, doch vom äußersten Winkel der Strandbar sind sie noch einzufangen, knapp neben der Urania. Seltsam, dass eine Sternwarte beim Sterngucken im Weg ist.

Venus und Jupiter "unter" der Urania. Wer findet sie im großen Bild?
Es ist jetzt schon so dunkel, dass die hellsten Sterne den Strandgästen auffallen. Und da unsere Fernrohre natürlich viele Neugierige locken (zum Glück schauen wir nicht zum Fürchten aus), bilden sich bald lange Schlangen hinter den Teleskopen. Getuschel setzt ein, was das ganze wohl soll. Ein Aha-Erlebnis, dass hier heute eine Space Night veranstaltet wird. Erst nach und nach dämmert es den meisten, dass die Aktion mit der nahe gelegenen Urania zu tun hat. Ah ja! Und dann der Blicks durchs Fernrohr ...
Na ja, der Himmel ist hier ziemlich lichtverschmutzt. In den kleineren Teleskopen beschränken wir uns daher auf helle Sterne wie Albireo oder Mizar ("wie bitte?", lautet oft die Gegenfrage nach der Nennung des Sternnamens; eine nette Geschichte dazu folgt noch). Natürlich müssen wir uns oft mit der Frage "Das ist alles?" oder "Geht das nicht größer?" auseinandersetzen, doch im Gespräch, was wir da eigentlich sehen, erwächst dann doch auch bei unseren Gästen das Gefühl, etwas tolles zu sehen.
Erst recht bei den Deep Sky Objekten, die wir aus nahe liegenden Gründen nur in Rolands 18" Dobson zeigen. Lustige Gespräche ergeben sich schon um die Namen der Objekte. M13. "M was?" - "Wer ist M?" (der Chef von James Bond, oder?). Die Geschichte über die wiederholte Enttäuschung von Charles Messier, doch keinen neuen Kometen entdeckt zu haben, die dazu führte, die Nebelflecke am Himmel zu numerieren, kommt sehr gut an. Ob Messier je geahnt hätte, dass über seine Verzweiflung fast 200 Jahre nach seinem Tod in einer solchen Umgebung geschmunzelt wird? Nein; eine Strandbar zwischen Hochhäusern neben einer Sternwarte, lateinamerikanische Musik und Cocktails, davon konnte Messier nichts wissen. In welcher Runde wohl unsere kleinen Abenteuer dereinst für Heiterkeit sorgen werden?
Jedenfalls betrachten wir M13 (trotz 45cm Öffnung schon recht schwer) und M57. Ein sterbender Stern über so viel pulsierendem Leben. Da schauen wir lieber zur Vega. Dort beginnt alles erst ...
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Die - für das Publikum und für uns - ungewöhnliche Situation führt auch zu einer völlig ungewöhnlichen Art, Astronomie zu vermitteln. Heiter, mit nicht ganz ernst zu nehmenden Seitenkommentaren, so dass wir uns lachend dem gemeinsamen Ziel nähern. Das Sommerdreieck gibt in solchen Situationen viel her; sei es die Überlegung, wie lange man mit dem vor der Bar geparkten Porsche zur Vega brauchen würde, oder dass die Namen der Sterne ein typisches Beispiel für "Lost in Translation" sind (treffsichere Erkenntnis einer Besucherin nach der Erklärung, dass unsere heutigen Sternnamen durch die Übersetzungskette Griechisch - Arabisch - Latein zustande kamen). Ich stelle mir Bill Murray vor, mit einem Glas japanischen Whiskey in der Hand, versuchend, "Azelfafage" zu verstehen ...
Das Team der Urania verteilt Programme (auch unsere) und sammelt Anmeldungen für eine Late Night-Führung; sie ist auch bald ausgebucht.
Die Kuppel der Urania öffnet sich
Über der hell beleuchteten Strandbar öffent sich die Kuppel der Urania und 30 Auserwählte werden zu den Sehenswürdigkeiten des heutigen klaren Abends geführt. Indes geht das muntere Treiben unten am Strand weiter. Noch einmal erlebt der Abend einen Höhepunkt, als zu später Stunde der Rote Planet aufgeht. Beim Anblick des Mars bemerken viele, dass das Beobachten mit einem Fernrohr gelernt und geübt sein will. Dabei zeigt sich Mars heute erfreulich detailreich; Phase, eine Polkappe und einige Dunkelgebiete lassen mich kurz mein Teleskop und meine Webcam vermissen. Da wäre einiges dringewesen. Aber mein Computer spielt an der Bar DVD-Player und Teleskop und Webcam sind zu Hause. Die Freude der nächtlichen Strandbesucher entschädigt für das nicht gemachte Foto.
Nach Mitternacht bauen wir die Installation der Space Night ab. Am Strand sind erst wenige Liegestühle frei und es ist immer noch recht mild. Ob die Aktion der Astronomie etwas gebracht hat, kann sicher erst mittelfristig beurteilt werden. Aber sie war in jedem Fall mutig - auch wenn sie nur 50 Meter weit entfernt ist, die Volkssternwarte muss heute trotzdem zum Volk kommen, soll es später auch einmal umgekehrt sein - und sie hat auch Spaß gemacht, Besuchern wie Aktiven.
Unsere Kooperation mit Planetarium und Urania bewährt sich einmal mehr. Das nächste Mal im November anläßlich von Mars Fiction im Planetarium, wo wir flankierend den Mars in unseren Fernrohren zeigen werden. Und an den Strand kommen wir auch wieder zurück - im Winter, wenn statt Pina Colada oder Caipirinha Glühwein und Punsch ausgeschenkt werden.
Es ist spät und morgen, äh, heute ist Arbeitstag. Rasch ein paar Stunden schlafen. Still got sand in my shoes ...
Text und Fotos: Alexander Pikhard