First H-alpha Light

Sophienalpe, 15. 01. 2006

20060115rgr12.html

Beobachter:Thomas Schröfl, Ludwig Grandy, Roland Graf
Datum:15. 01. 2006
Zeit:12.30 bis 14.00 MEZ
Ort:Sophienalpe
Geogr. Länge:16,217 E
Geogr. Breite:48,250 N
Seehöhe:477
System:
Instrument:Coronado Binomite, Optolyth 100/700 mit Lille 2ß/20 H-alpha System
Bedingungen:
Durchsicht:ausreichend (3)
Seeing:ausreichend (3)
Temperatur:-3 °C
Wind:maessig aus W
Bericht:

Mit Ludwig, Roland und deren Damenbegleitung endet heute nach spontaner Absprache eine 11-monatige Odyssee. Wir begehen mit meinem mir selbst spendierten Weihnachtsgeschenk, nämlich mit dem Ende 2005 auf den Markt gekommenen 20/20-H-alpha-System von Wolfgang Lille, First H-alpha Light. (für näher Interessierte: SuW 1/06 Seite 95, und http://mitglied.lycos.de/LilleSonne/produkte/20mmsystem/20mmsystem.htm) Kurz die Vorgeschichte: anfangs März 05 habe ich ein Solarspectrum System bestellt, von dem man mir im November noch immer nicht sagen konnte, wann es vielleicht einmal lieferbar sein wird. Da mir Wolfgang Lille aus dem Internet schon lange ein Begriff für alles, was mit Sonnenbeobachtung zusammenhängt, war, rief ich ihn kurzerhand an, klagte mein Leid und er erzählte mir ausgiebigst von seinem soeben entwickeltem neuen 20/20-System, 20/20 deshalb, weil Etalon und Blockfilter 20mm Durchmesser haben.. Das System besteht kurz gesagt aus einem IR/AR-Filter vor der Optik, womit IR und UV geblockt wird (kühler Tubus) und am Okularauszug zunächst ein 3,8faches telezentrisches System (eine Art Barlowlinse, die den für das Etalon erforderlichen parallelen Strahlengang mit ca. f30 herstellt), dann ein verkippbares 20mm Etalon, ein zur Vermeidung von Reflexen schräg eingebautes Doppelschutzfilter, Zenithspiegel und schließlich die Okularhülse mit von außen verkippbaren Blockfilter. Vorteil dieses Systems: Ausnützen der vollen Auflösung der Optik + bei 4 Zoll und ca. 1 Bogensekunde Auflösung fängt der Spaß so richtig an + ohne vorne ein großes und damit praktisch unbezahlbares Etalon drauftun zu müssen und bei einem neuen wohl meist größerem Fernrohr braucht man nur ein neues IR/AR-Filter. Nona, wenn man so etwas kauft, ist eine Menge Schlechtwetter gratis dabei, denn während der Weihnachtsferien verweigerte Petrus jedes noch so kleine Wolkenloch. Also mußte ich mich damit begnügen dieses edle Stück an Optik und Feinmechanik in seinem schönen schaumstoffarmierten Kunststoffköfferchen zu betrachten und zu betasten. Auch das kann man, entsprechendes Feingefühl für Schönes vorausgesetzt, durchaus genießen.

Doch heute war es dann endlich soweit. Als ich um neun aufstehe ist strahlend blauer Himmel, also schnell beim Morgenkaffee mit Ludwig und Roland ein Treffen auf der Sophienalpe für mittags vereinbaren, die Sachen im Auto verstauen und los. Alex teilt per Email noch schnell mit das es ihm leider nicht ausgeht dabei zu sein. Oben ist es ganz schön kalt und windig. Die Bedingungen sind von optimal weit entfernt, denn die Sonne steht halt um diese Jahreszeit recht tief und natürlich sind gerade im Süden Wolkenschleier und Dunst, aber was soll+s, wir wollen ja nur einmal die Sache ausprobieren. Ein schneller Blick durchs Coronado-Binomite im Weißlicht zeigt eine ruhige Sonne, keine Flecken sind zu sehen. Dann vergeht eine gute dreiviertel Stunde des Schraubens mit klammen Fingern, bis wir die Fokuslage endlich gefunden haben, vor allem aber auch die Sonne, denn ohne Sucher bei 2660cm Brennweite durch die Telezentrik, statt wie gewohnt 700mm ist das ganz schön haarig. Aber dafür entschädigt uns der Anblick. Der Sonnenrand ist zwar durch das schlechte Seeing sehr unruhig, aber was wir dann sehen ist atemberaubend. Wie eine irdische Wolke steht eine nicht mehr mit der Sonne verbundene Wasserstoffwolke einer Protuberanz über dem Sonnenrand. Daumen mal pi schätzen wir die Entfernung vom Sonnenrand mit 100.000 bis 200.000 km. Roland meint, das müsse am Zusammenbruch eines Magnetfeldes liegen. Auf die Schnelle kann ich mich nicht erinnern, je so etwas auf einem Foto gesehen zu haben. Abwechselnd genießen wir diesen für uns neuen Anblick der Sonne. Dann wird abgebaut, denn der Wind machts langsam doch recht unangenehm. Zur Stärkung und Plaudern ziehen wir uns ins Gasthaus zurück und bemurmeln die aus dem First H-alpha Light gewonnenen Erfahrungen. Ein präziser Sucher mit Solarfolie ist vonnöten, aber da habe ich noch ein Überbleibsel im Fundus. Ein großes schwarzes Tuch wird wohl Wunder wirken gegen all die störenden Reflexe, vor allem für mich als Brillenträger, wo ich nicht so nah ans Okular ran kann. Mit dem Rack-and-Pinion Okularauszug muß ich mir auch noch etwas einfallen lassen, denn bei dieser Brennweite ist das Shifting nicht mehr nur lästig sondern schlichtweg nicht mehr zu tolerieren. Und letztlich brauche ich auch noch zusätzliches Gewicht am vorderen Tubusende, denn wenn auch das 20/20-System nicht allzu schwer ist: Hebelwirkung bleibt Hebelwirkung, insbesondere wenn dann einmal auch noch eine Kamera dranhängt. Das wird wohl eine nette Bastelei mit Blei und Klettband werden. Aber die wichtigste Erkenntnis ist die: mit dieser Ausrüstung die Sonne im H-alpha-Licht zu beobachten, da ist auf Jahre hinaus für viel und immer neues Beobachtungsvergnügen gesorgt. Da glaube ich den jahrelang erfahrenen Sonnenbeobachtern, die sagen, auf der Sonne ist immer etwas los und jeden Tag etwas anderes.