Seit Tagen bringen die Medien Meldungen aus Oberösterreich, Niederösterreich und der Obersteiermark bezüglich des Schneechaos. Seit November hat es hier nicht getaut und die Schneedecke ist auf erschreckende Dimensionen angewachsen; immer mehr Gebäude drohen, unter der Schneelast einzustürzen, ganze Gemeinden sind Notstandsgebiet. Vor allem Mariazell, das fast in allen Nachrichtensendungen erwähnt wird.
Oft denken wir angesichts dieser Meldungen an die Sternwarte in Mariazell; wie wird es ihr wohl ergehen? Nachdem die ansässigen Mariazeller alle Hände voll zu tun haben, ihr eigenes Hab und Gut zu bewahren, entschließen wir uns zu einer Rettungsaktion; Albert Apolloner, Anneliese und ich brechen in die Weiße Hölle auf.
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Über eine Stunde Pause am Annaberg. Der Verkehrsfunk rät, größräumig auszuweichen. Selten so gelacht. Die Straße ist die einzig befahrbare heute. Gscheid, Lahnsattel wegen Lawinengefahr gesperrt, Niederalpl sowieso. Ebenso Seeberg und Zellerrain. Bliebe nur der Weg über Wildalpen. Das würde bedeuten: Zurück nach St. Pölten, weiter nach Enns, dann durch das Ennstal nach Hieflau, u.s.w. Nein, wir warten ab. Nach über vier Stunden erreichen wir dann Mariazell.
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Mariazell befindet sich quasi im Ausnahmezustand; kaum ein Geschäft geöffnet, kaum Zivilisten auf der Straße. 1.300 Helfer prägen das Straßenbild, vorwiegend Feuerwehr und Bundesheer. Blaulicht, wohin das Auge blickt. Und überall Schnee ...
Auf die Sternwarte gelangt man nur zu Fuss; nicht, weil die Straße unpassierbar wäre (das ist sie eigentlich nicht), sondern weil die ganze Stadt für jeglichen zivilen Verkehr gesperrt ist. Nur Einsatzfahrzeuge dürfen zufahren. Wir borgen uns Schneeschuhe aus und machen uns an den Aufstieg.
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Wie heisst es so schön in Star Trek? To boldly go, where no one has gone before! Hier, über diese Wächten, ist noch keiner gegangen in den letzten Tagen. Ohne Schneeschuhe würden wir bis über den Kopf einsinken, mit den Schneeschuhen nur bis zu den Knien. Selten waren die paar Meter von der Piste zur Sternwarte so anstrengend!

Am Ziel!
Am Ziel. Die Sternwarte selbst steht recht frei, nur im Osten schmiegt sich eine Schneewächte bis zum Kuppelscheitel. Ansonsten hat der Wind den Bereich um die Sternwarte freigefegt. Hinter der Sternwarte ragen die Schneewächten gute drei Meter auf.

Das berühmte Panorama, heute einmal ganz anders
An die tief verschütteten Säulen vor der Sternwarte denken wir gar nicht; unsere ganze Aufmerksamkeit gilt dem Dach, doch zunächst müssen wir einmal in die Sternwarte gelangen. Nicht einfach, denn die Tür ist meterhoch verweht. Zum Glück haben wir die Schaufeln dabei, sonst müssten wir mit den Händen graben!
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Über die Ostflanke steigen wir auf
Der Aufstieg auf das Dach gestaltet sich schwierig. Wir bezwingen zunächst die hohe Wächte im Osten und errichten mit zwei Brettern eine halbwegs stabile Basis. Von dort legen wir einen kleinen Teil des Dachs frei und gelangen so selbst auf das Dach. Auf dem Dach angelangt hat man nicht mehr das Gefühl, auf einem Gebäude zu stehen. Vielmehr fühlt man sich wie unmittelbar vor dem Gipfelsieg. Nur mehr ein kleiner Schneegrat. Jetzt nur kein Fehltritt!
Nach einer guten halben Stunde erreicht meine Schaufel die Kuppel. Jetzt mache ich mich daran, einen Rundweg freizuschaufeln. Im Westen liegt wenig Schnee und das Dach ist gefährlich glatt. Doch die Hauptarbeit liegt im Osten, wo rund zwei Meter Schnee und vor allem der "Heckspoiler" wegzuschaufeln sind.

Albert und ich in Aktion
Ob wir jemals fertig werden? Der Nachmittag schreitet voran, und bald verstehen wir, wieso die Rettungskräfte im Tal am Ende ihrer Kräfte sind. Unsere Sternwarte ist doch nur so klein, was ist das schon gegen eine ganze Stadt! Schließlich haben wir die Kuppel freigelegt. Im Inneren war nur wenig Flugschnee, der ist bald beseitigt. Die Kuppel lässt sich sogar drehen! Doch ans Beobachten denkt heute niemand.
Es wir dämmrig. Und dann geht über der Weißen Hölle der Vollmond auf - unbeschreiblich kitschig und romantisch.

Mondaufgang über der Weißen Hölle
Wir schließen die Sternwarte ab und machen uns an den Abstieg; mit unseren Schneeschuhen nehmen wir die Schipiste ins Tal, das geht schneller. Über uns kämpft der Mond wildromantisch mit den Wolken, unter uns die Rettungskräfte mit dem Schnee. Eigenartig dunkel ist Mariazell heute, und immer wieder gelbe und blaue Drehlichter. Gespenstisch oben und unten ...
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Wir erreichen die Stadt. Das Bild hat sich nicht geändert. Die Einsatzkräfte arbeiten bei Flutlicht weiter. Den Mond am Himmel nimmt wohl keiner wahr, sein Licht reicht auch wirklich nicht aus.
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Etwas erschöpft treten wir die Heimreise an. Dennoch ein gutes Gefühl, geholfen zu haben - auch wenn die Sternwarte nicht wirklich gefährdet war. Sie ist solid genug gebaut.
Text: Alexander Pikhard
Fotos: Alexander Pikhard und Anneliese Haika