Beobachtungsabend

Wien 12, 21. 05. 2006

20060521api19.html

Beobachter:Alexander Pikhard
Datum:21. 05. 2006
Zeit:19.30 bis 00.20 MESZ
Ort:Wien 12
Instrument:12" Meade LX200, Canon EOS 350D, Philips ToUCam Pro
Bedingungen:
Durchsicht:gut (2)
Aufhellung:gut (2)
Seeing:schlecht (4)
Temperatur:12 °C
Wind:kein
Bemerkungen:Zeitweise ganz leichte Schleierwolken
Bericht:

Dieser Beobachtungsabend beginnt fulminant; nach einem bedeckten, regnerischen Nachmittag rechne ich nicht mit einer Beobachtung. Ein zufälliger Blick aus dem Fenster lässt mich allerdings blitzartig zur Kamera greifen - dramatischer kann ein Beobachtungsabend gar nicht beginnen!

Die Regenfront zieht ab, vom Licht der tief stehenden Sonne gespenstisch beleuchtet. Ein kurzes Stück Regenbogen darunter, so hell wie noch selten beobachtet. Darüber das tiefe Blau der abziehenden Wolken, durch die schon der klare Himmel bricht. Das Telefon läutet, es ist Roland, der mich auf eben dieses Naturschauspiel hinweist.

Die Wolken ziehen vollständig ab und es wird außergewöhnlich klar. Wie nicht anders zu erwarten, ist das Seeing nicht gut - kein Wunder bei so einem turbulenten Frontabzug. Trotzdem nehme ich ein paar Sequenzen von Jupiter auf, da der GRF gerade über die Scheibe zieht. Seeingbedingt mit nur 3m Brennweite, aber immerhin.


22.11 Uhr MESZ
System I = 243°
System II = 64°


22.42 Uhr MESZ
System I = 262°
System II = 83°


23.46 Uhr MESZ
System I = 301°
System II = 122°

Bemerkenswert ist die Bedeckung von Ganymed in auffällig hoher Breite, die darauf hindeutet, dass sich das System der Jupitermond heuer weit geöffnet zeigt. Allzu viele Details kommen bei dem nicht so guten Seeing leider nicht heraus; am Auffälligsten sind neben dem GRF noch die türkisfarbenen Wolken am S-Rand des NEB (unten), drei dieser Strukturen sind gut zu erkennen. Aufällig ist die Farbe des GRF. Was ist mit Red Junior? Er scheint heute nicht sehr auffällig zu sein, auf der Aufnahme von 23.46 Uhr MESZ ist zumindest seine Farbe (links oberhalb des GRF) zu erkennen, seine Form aber nicht.

Die Aufnahmen entstanden mit IR Sperrfilter. Deutlicher ist schon eine Aufnahme mit IR Passfilter. Sie zeigt trotz des schlechten Seeings die Atmosphärenstrukturen sehr gut.


23.50 Uhr MESZ; System I = 304°, System II = 124°

"Red Junior" zeigt sich heute wirklich ohne Rand. Ein Indiz, dass sich diese Struktur wieder auflöst?

Die gute Durchsicht veranlasst mich, zwischen den Jupiteraufnahmen auch ein wenig mit Deep Sky Fotografie aus der Großstadt mit der Canon EOS 350D zu experimentieren. Es geht heute um ein paar sehr elementare Dinge, ohne hochqualitative Aufnahmen zu erhalten. Ich möchte ein paar Basics kennen lernen und wähle dazu die beiden Kugelsternhaufen M3 und M5.

Ich entschliesse mich, mit Belichtungszeiten von 15 Sekunden bei 800 ISO und f/6.3 zu arbeiten. Belichtungszeit und Empfindlichkeit sind das Limit bei Stadthimmel und f/6.3 wähle ich einerseits wegen des schlechten Seeing, andererseits, da ich noch ohne aktive Nachführkontrolle arbeite (die MX916 als Autoguider kommt in einem nächsten Schritt einmal dazu). Bei f/3.3 ist die Abbildung doch zu schlecht. Ich verkleinere die Rohbilder und "stacke" sie mit AstroArt.


M3, 6 x 15 Sekunden bei 800 ISO, 12" LX200 @ f/6.3, verkleinerter Bildausschnitt


M5, 10 x 15 Sekunden bei 800 ISO, 12" LX200 @ f/6.3, verkleinerter Bildausschnitt

Auf den ersten Blick sind die Aufnahmen gar nicht so übel, bei genauerem Hinsehen fallen natürlich schon etliche Mängel auf. Was habe ich heute gelernt:

  • Fokussieren geht schon einigermassen, am besten mit einem hellen Stern in der Nähe und einer kurz belichteten Aufnahmeserie. Besser ging es heute schon wegen des Seeings nicht.
  • Trotz Stadthimmel ist der Hintergrund dunkel und der Kontrast gut. Freilich, viele schwache Sterne "saufen im Hintergrund ab".
  • Die Chipausleuchtung mit dem f/6.3 Reducer von Meade ist gut, es gibt kaum Vignettierung, allerdings eine merkbare Verzeichnung am Bildrand.
  • Aktive Nachführkontrolle ist wichtig. Ich musste doppelt so viele Aufnahmen machen, als ich stacken konnten, und da sind, vor allem bei M3, noch immer deutliche Nachführfehler zu sehen.
  • Bei großen Bildern versagt die "Preprocessing" Funktion von AstroArt, ich muss Alignment und Addition manuell durchführen. Bei 6 - 10 Bildern noch tolerierbar.
  • Bei langen Belichtungsserien entstehen durch die Kameraerwärmung doch Hot Pixels, ein Dunkelstrombild ist also doch notwendig. Am besten mehrere, zwischendurch, aber auf jeden Fall vor und nach der Aufnahme. Übrigens, auch ein Flatfield würde nicht schaden.
  • Mit JPEG geht's nicht wirklich, Bilder in diesem Format sind kaum addierbar - der Hintergrund ist Mist, ich musste ihn wegschneiden, schade um die schwachen Sterne. In Zukunft nur RAW!

Trotzdem: Es ist schon reizvoll, ohne Computer zu fotografieren (sofern man die kleine Tatsache ignoriert, dass eine DSLR-Kamera ein Computer ist). Und immerhin: Vor ein paar Jahren wären solche Deep Sky Fotos aus der Großstadt pure Illusion gewesen. Es geht auch ohne Ultra Nons Ens+ Filter :-)