Beobachtungsnacht

Wien 12, 04./05. 06. 2006

20060604api21.html

Beobachter:Alexander Pikhard
Datum:04./05. 06. 2006
Zeit:21.00 bis 01.30 MESZ
Ort:Wien 12
Instrument:12" Meade LX200, Canon EOS 350D, Philips ToUCam Pro
Bedingungen:
Durchsicht:gut (2)
Aufhellung:gut (2)
Seeing:ausreichend (3)
Temperatur:10 °C
Luftfeuchtigkeit:trocken
Wind:leicht aus NW
Bemerkungen:Wolkenlos, nur zeitweise einige Cirren
Bericht:

Manchmal sind Dinge nicht zu fassen; etwa, dass der Himmel nach diesem total verregneten Pfingstsonntag aufklart und das noch dazu für viele Stunden. Ungläubig baue mein Teleskop auf der Terrasse auf und beginne eine urbane Astrofoto-Session.


12" LX200 mit Canon EOS 350D startklar

Erstes Ziel ist der Mond. Das Seeing ist lausig, in den wenigen ruhigen Momenten kommt aber die wunderschöne Phase mit Apenninen und Plato genau am Terminator schön zur Geltung.


Schnappschuss bei f/10, 1/50s bei 200 ISO

Ich wechsle auf f/6.3. Da meine 2GB-Speicherkarte Platz für rund 600 Fotos bietet, erwäge ich eine Serienaufnahme, die mit Registax gestackt werden soll. Ich mache 30 Aufnahmen mit 1/100s bei 200 ISO und stacke sie - nachdem ich sie auf etwas weniger als 25% verkleinert habe, denn Registax scheitert an wirklich grossen Bildern - mit Registax. Ich muss sagen, da tut sich eine völlig neue Dimension der Mondfotografie auf! Der Mond in der "Totalen" gestackt:


Mond, 12" LX200 @ f/6.3, 30x1/100s bei 200 ISO

Das kommt schon an den Anblick durchs Okular in den besten Momenten heran. Stacken ist ja doch die beste Technik gegen schlechtes Seeing. Nun zum Jupiter. Hier ist die 350D nicht die optimale Kamera, da muss schon die Webcam her. Das Seeing ist lausig, aber irgendwie erwische ich einen ganz guten Moment, vor allem mit dem IR Passfilter. Ich erstelle ein Komposit aus zwei Serien, eine mit IR-Passfilter (rund 700 Frames) und eine mit IR-Sperrfilter für die Farben (interessanter Weise sind hier sogat 1000 Frames verwertbar, das Leben steckt voller Überraschungen). Aufname mit 3m Brennweite, mehr ist leider nicht möglich.


Jupiter mit Ganymed, Io und Europa (v.l.n.r.), IR Serie um 22.52 Uhr MESZ.
Zentralmeridian: System I = 320°, System II = 34°

Gar nicht so übel. Ein recht turbulenter Jupiter mit sehr "unordentlich" stehenden Monden (wegen der hohen Breite von Ganymed, bedingt durch die weite Öffnung des Jupitersystems heuer).

Jetzt wende ich mich, trotz Mondlichts und Lichtverschmutzung, Deep Sky Objekten zu. Alle Aufnahmen mit f/6.3 und 20 Sekunden bei 800 ISO (mit einer Ausnahme), das ist das Maximum bei dieser Himmelshelligkeit. Ich fokussiere mit einer Hartmannblende, das sorgt für deutlich schärfere Sterne. Die Aufnahmen werden verkleinert und dann mit AstroArt (Preprocessing) unter Abzug eines gemittelten Dark Frame zentriert und gestackt. Bei den Sternhaufen kommt meist noch ein DDP Prozess und unscharfe Maske zum Einsatz, das macht die Dynamik "weicher" und die Sterne schärfer.

Ich beginne gleich ganz frech mit -- M4. Richtig, der lockere Kugelsternhaufen nahe Antares (es ist der nächsgelegene seiner Art, "nur" 5600 Lichtjahre entfernt, daher extrem gut aufzulösen) steht zum Zeitpunkt der Aufnahme nur 15° hoch.


M4, 12" LX200 @ f/6.3, 13x20s bei 800 ISO. Verkleinerter Bildausschnitt.

Klar, dass es mir nicht gelingt, bei dieser geringen Höhe den Himmelshintergrund ganz wegzubekommen (ein Flatfield wäre angesichts des f/6.3 Reducers auch nicht schlecht gewesen). Aber immerhin. Der Haufen ist gut aufgelöst, vor allem der in N-S-Richtung verlaufende "Sternbalken" ist gut zu erkennen. Die Sterne sind trotz des schlechten Seeings recht scharf.

Jetzt zu etwas schwierigeren Objekten - auch sie liegen an der Grenze des in der Großstadt Möglichen.

M12 ist ein lockerer Kugelsternhaufen im Schlangenträger, 21.000 Lichtjahre entfernt, seine hellsten Sterne haben nur mehr 12mag (verglichen mit 10mag bei M4).


M12, 12" LX200 @ f/6.3, 13x20s bei 800 ISO. Verkleinerter Bildausschnitt.

Durch die größere Höhe ist der Himmelshintergrund dunkler. Die vielen blauen Sterne kommen sehr gut zur Geltung. Leider haben sich hier sehr viele Nachführ"fehler" (sprich: eigentlich unbrauchbare Frames) eingeschlichen; ich wollte halt nach wie vor ohne aktive Kontrolle aufnehmen, doch bei einem azimutal montierten SCT ist das nur bedingt möglich.

Nächstes Objekt: M14. Die hellsten Sterne dieses 56.000 Lichtjahre entfernten Kugelsternhaufens im Schlangenträger haben gar nur mehr 14mag. Ob das in der Stadt geht? Auf den Einzelbildern ist in der Tat kaum etwas zu erkennen.


M14, 12" LX200 @ f/6.3, 8x20s bei 800 ISO. Verkleinerter Bildausschnitt.

Bildbearbeitung macht's möglich, es ist wirklich ein Kugelsternhaufen! Obwohl ich nur 10 Bilder gemacht habe (und zwei wegen diverser Fehler ausscheiden muss), schwebt der schwache Kugelhaufen auf recht dunklem Hintergrund. Ich denke, ich werde übermütig, denn ...

... mein nächstes Ziel heisst M27, der Hantelnebel. Jetzt wird sich zeigen, was unter Stadthimmel möglich ist. Nach einem ersten Versuch (ich sehe, dass ich nichts sehe) schalte ich aber auf 1600 ISO um.


M27, 12" LX200 @ f/6.3, 13x20s bei 1600 ISO. Verkleinerter Bildausschnitt.

Das ist wohl wirklich das Limit in der Stadt (noch dazu bei Mond). Ich lasse eine Spur Hintergrundaufhellung übrig, um den Nebel nicht "umzubringen". Die Struktur und die charakteristische Färbung des Nebels kommt aber klar und deutlich heraus, vom Zentralstern ganz zu schweigen, denn er steht unübersehbar mitten im Nebel. Die schwächsten erkennbaren Sterne auf dieser Aufnahme sind 16,5 bis 17mag - und das bei etwas mehr als vier Minuten Belichtungszeit. Die 350D ist nicht wesentlich unempfindlicher als eine gekühlte CCD-Kamera.

In der Nähe von M27 steht M71 im Pfeil, ein unregelmäßiger, dichter Sternhaufen in 18.000 Lichtjahren Entfernung, der heute doch eher zu den Kugelsternhaufen gezählt wird, von dem aber ein Teil durch Staub verdeckt ist. Er steht in einer reichen Milchstraßenregion.


M71, 12" LX200 @ f/6.3, 10x20s bei 800 ISO. Verkleinerter Bildausschnitt.

Hier ist genug Bildinformation da, um den Himmelshintergrund wirklich dunkel zu bekommen, ohne dem Haufen allzu viel wegzunehmen.

Astrofotografie in der Großstadt, noch dazu bei Mondlicht. Einiges trägt schon die Digitaltechnik dazu bei, und sei es, dass man es heute einfach probiert, denn man vergeudet keinen Film und keine Zeit in der Dunkelkammer. Und wenn die Rohbilder vielversprechend sind, so wie in dieser Nacht, dann macht die Arbeit in der "elektronischen Dunkelkammer" (am PC) gleich viel mehr Spaß.

Die aktuelle Daten zu den Objekten habe ich übrigens dem neuen Atlas der Messier-Objekte von Ronald Stoyan entnommen; für alle, die nicht selbst fotografieren wollen, ein tolles Bilderbuch voll mit Informationen zu diesen besonderen Sehenswürdigkeiten des Himmels. Äußerst zu empfehlen!

Der Mond geht unter, am Horizont einige Wolken, ich beende die Beobachtung, vor allem, weil es doch etwas dunstiger geworden ist.


Der Mond durch Wolken tief im Westen

Nach einem ganz lausigen Tag eine tolle Beobachtungsnacht, wer hätte das gedacht. Ich werde meine Tests hoffentlich bald unter dunklem Himmel fortsetzen können (ja, erst einmal muss der Mond durch - mit einem extrem tief stehenden Vollmond am 11.).