Astropraxis-Nacht

Sofienalpe, 16. 07. 2006

20060716api19.html

Beobachter:Alexander Pikhard
Datum:16. 07. 2006
Zeit:19.00 bis 01.00 MESZ
Ort:Sofienalpe
Instrument:12" Meade LX200, Canon EOS 350D, Philips ToUCam Pro
Bedingungen:
Durchsicht:sehr gut (1)
Aufhellung:gut (2)
Seeing:ausreichend (3)
Freis. vis. Grenzgroesse:5.5
Temperatur:16 °C
Luftfeuchtigkeit:trocken
Wind:kein
Bemerkungen:Exzellente Durchsicht, unglaublicher Sternenhimmel für diese Stadtnähe, Milchstraße im S bis Scutum freisichtig, UMi 5,5mag.
Bericht:

Was für ein Tag! Nach Durchzug einer Gewitterfront am Freitag und etwas Restwolken am Samstag ist es heute strahlend klar und kühler als zuvor, die Luft trocken, eine Durchsicht wie aus dem Bilderbuch. Strahlend steht die Sonne am Abend tief im Nordwesten, nicht rötlich, sondern gleißend weiß, wie sie es an so manchen Tag zu Mittag nicht zustande bringt.


Ein kristallklarer, strahlender Abend auf der Sofienalpe

Wir haben uns heute auf der Sofienalpe eingefunden, um in erster Linie Jupiter zu beobachten; eine Passage des GRF (leider noch bei Tag, also vor Sonnenuntergang) sowie ein Transit plus Schattenvorübergang von Europa stehen auf dem Programm. Doch da der Mond erst nach Mitternacht aufgehen wird, wird es wohl auch eine Deep Sky Nacht werden. Und zunächst wird unsere Astropraxis noch etwas ganz anderes, nämlich ein toller Sternabend.

Gleich zwei Familien besuchen uns heute; beide konnten das jeweilige Programm (Ferienspiel auf dem Cobenzl, Jugendgruppe in Langenzersdorf) aus Termingründen nicht besuchen und versuchen es spontan heute, hier auf der Sofienalpe. Sie sollen es nicht bereuen! Genauso wenig, wie die anderen Gäste, die sich zu uns gesellen.


Schon bei Tag sind alle Rohre ...


... auf Jupiter gerichtet

Das einzige, was heute nicht passt, ist das Seeing, so zeigt sich Jupiter leider meist sehr verschwommen. Nur blickweise kann man den Schatten von Europa erkennen.


Jupiter um 21.30 Uhr MESZ. Links Io, rechts Europa. Der Schatten von Europa ist deutlich zu erkennen.
GRF und Red Junior stehen ganz am Rand. Zentralmeridian: System I = 60°, System II = 173°.

Red Junior war bei Tag recht deutlich und noch immer fast so groß wie der GRF. Er ist in Länge weiter nach Osten gezogen und hat den GRF, offenbar ohne Interaktion, schon merklich überholt. Ob sich da noch etwas tut oder ob Red Junior jetzt zu einer Dauereinrichtung geworden ist?

Die noch immer lange Dämmerung macht uns Amateuren an sich zu schaffen, doch heute kommt keine Langeweile auf; auch nicht bei unseren netten Gästen, die an sich gar nicht so lange bleiben wollten. Doch Astronomie ist enorm spannend. Noch mehr Fernrohre werden aufgebaut, der Mix aus Hi-Tech und Berührung mit dem Universum ist wirklich spannend.


Astronomie ist enorm spannend, egal, ob Computerteleskop ...


... oder Dobson, wo man sogar selbst Hand anlegen kann

Als sich dann noch eine Touristengruppe aus den Niederlanden zu uns gesellt, läßt Roland sogar noch eine Rakete steigen; eine gute Gelegenheit, technische Verbesserungen für das nächste Ferienspiel zu testen.


Raketenstart! Da sind die Teleskope für einen Moment eher uninteressant.

Die Dämmerung beschert uns ein traumhaftes Licht- und Farbenspiel, und plötzlich überkommt mich ein Schauder, aber nicht (nur) wegen der Kühle des Abends. Es ist das gleiche Licht, die gleiche Farbkomposition wie während einer totalen Sonnenfinsternis! Nur die grüne Corona hoch am Himmel fehlt, sonst passt alles.


Ein Himmel wie bei einer totalen Sonnenfinsternis, nur die Corona fehlt

Der Himmel im tiefem Blau, der Horizont (allerdings nur im Nordwesten) leuchtend orange. Die hellsten Gestirne (Jupiter, Arktur, das Sommerdreieck) sind mit freiem Auge zu sehen. Dieses Licht ist selten bei uns. Für einige Minuten fühle ich mich zurückversetzt nach Çolaklι, Lusaka, Neutal (ach so, da waren ja Wolken) oder Babati. Doch dann geht es dahin, immer mehr Gestirne tauchen auf und wir tauchen in die Deep Sky Nacht ein. Längst haben unsere Gäste eingesehen, dass es ein unverzeihlicher Fehler wäre, jetzt schon nach Hause zu gehen.

Albireo, ε Lyrae, M13, M57, das ist nur der Anfang. Es dauert nicht mehr lange (oder kommt es uns nur so vor), und die Milchstraße ist zu sehen. Immer mehr Deep Sky Objekte, und im 18" Dobson sind sie unbeschreiblich. Bald sind auch die Spiralarme von M51 kein Problem mehr. Im Kleinen Wagen erkennt man ohne Schwierigkeiten Sterne bis 5,5mag. Über uns schwebt die Milchstraße - so nahe bei Wien!


Ultimativ: Die Milchstraße über der Lichtglocke von Wien, mitten durch das Sommerdreiek. Die Aufnahme entstand durch
Überlagerung von 5 Aufnahmen zu 30 Sekunden bei 800 ISO mit der Canon EOS 350D und zeigt auch die optischen Grenzen
des 18-55mm EF-S Objektivs gnadenlos auf. Gestackt mit AstroArt.

Während am 18" Dobson ein Deep Sky Objekt nach dem anderen gejagt wird, montiere ich die EOS 350D an mein 12" LX200 und nehme ein paar Objekte mit f/6.3 auf. 20 Sekunden Belichtungszeit sind bei der azimutalen, unkorrigierten Nachführung das Limit. Im Süden stehen Skorpion und Schütze so schön wie schon lange nicht. Mal sehen, was dort möglich ist.


M8, 15 x 20 Sekunden bei 1600 ISO. Verkleinert.

Wow, nicht schlecht für eine ungekühlte DSLR. Leider macht das Seeing die Sterne sehr groß, vor allem die helleren. Die Farben sind ganz passabel, nur in den schwächeren Regionen verblassen sie. Das liegt aber auch an der Ausarbeitung, die ich so gewählt habe, dass die Details in den helleren Teilen des Nebels nicht überstrahlt werden.


M17, 11 x 20 Sekunden bei 1600 ISO. Verkleinert.

Bei so hellen Nebeln müsste ich eigentlich zwei verschiedene Belichtungen machen, länger für die Ausläufer und kürzere für die zentralen Bereiche. Und dann maskieren, überlagern. Klar. Aber es sind ja heute meine ersten Tests an schwächeren Deep Sky Objekten.


Kernbereich von M31, 5 x 20 Sekunden bei 1600 ISO. Verkleinert.

Toll. Sogar die Dunkelwolken im inneren Bereich von M31 kommen heraus. Ein Zeichen von extrem guter Durchsicht. Es sind sicher einige offene und Kugelsternhaufen auf der Aufnahme zu erkennen, aber ohne genaue Karte nicht von den Vordergrundsternen unserer Milchstraße zu unterscheiden.

Was für eine Nacht. Hilfe, morgen ist Montag, aber wer kann jetzt aufhören? Von Osten her naht Erlösung ...


Der abnehmende Mond ist unser letztes Ziel (40 Aufnahmen mit
300mm Teleobjektiv, gestackt, verkleinert, ganz lausiges Seeing)

Schade eigentlich. Bei jeder Star Party empfindet man es als brutal, verfrüht, wenn der Mond aufgeht und die dunkle Nacht plötzlich in ein helleres Licht taucht. Doch heute ist der Mond unser letztes Beobachtungsobjekt. Beeindruckt von einer unvergeßlichen Sternennacht fahren unsere Gäste heim und wir bauen ab. Es ist ein Uhr früh! Der Mond steht schon recht hoch, und immer noch können wir über unseren Köpfen die Milchstraße erkennen, hier auf der Sofienalpe, so nahe bei Wien.

Man kann es nur so auf den Punkt bringen: An Abenden wie dem heutigen entsteht Begeisterung für Astronomie. Wer aber so eine Gelegenheit ausläßt, versäumt etwas fürs Leben. Klar, man kann Astronomie auch nur in Form von Vorträgen konsumieren. Doch das ist letztlich wie Fernsehen: Distanziert, unverbindlich, unpersönlich. Wer aber in einer strahlend klaren Nacht die Stimmung des gemeinsamen Beobachtens in sich aufgenommen hat, nur der oder die kann sagen: "Ich war selbst dabei, ich habe es erlebt!".