Südsteirische (Astro-)Impressionen

St. Anna am Aigen, Südsteiermark, 09. - 13. 09. 2006

20060913neb00.html

Beobachter:Alexander Pikhard, Natalie Ebner
Datum:09. - 13. 09. 2006
Ort:St. Anna am Aigen, Südsteiermark
Instrument:Refraktor 50/600mm, Canon EOS 350D mit 18-55mm und 80-300mm Tele
Bericht:

Es sollte kein Astrourlaub, sondern ein Erholungsurlaub werden; dass die beiden Begriffe zu einander im Widerspruch stehen, davon kann sich jeder überzeugen, der unsere Reiseberichte zu diversen Finsternissen oder nach Namibia liest. So ließ ich die große Astroausrüstung durchaus bewusst daheim. Aber eine Kamera hat man sowieso immer dabei, Stativ und Teleobjektiv auch, und für die Pleiadenbedeckung durfte auch ein ganz kleines Fernrohr mit: Ein kultverdächtiges 5/60cm Linsenröhrchen von Tasco, eines meiner ersten Teleskope. Mit ihm "entdeckte" ich vor mehr als 30 Jahren die meisten Messierobjekte.

Wenn dann so herrliches Wetter herrscht wie diese Woche, dann laufen einem dann doch jede Menge astronomischer Motive über den Weg und man ertappt sich beim Fotografieren oder gar Spechteln - mit dem leichten Gerät in durchaus entspannter Lage und ohne große Anstrengung.

So ein Astroabend beginnt dann ja meist mit einem mehr oder weniger kitschigen Sonnenuntergang; davon gab es diese Woche jeden Abend einen.


Sonnenuntergang im Weingarten

Dass die Gegend auch "steirische Toskana" genannt wird, verdankt sie in erster Linie den ausgedehnten Weingärten, aber auch der sonst durchaus südländischen Vegetation. Allerdings - so gut der Wein hier ist, die Bananen (!) sind ungenießbar!

Nach jedem Sonnenuntergang folgt natürlich eine Dämmerung, und die ist je nach Dunstlage mehr oder weniger farbenfroh.


Dämmerung mit Skorpion, Waage und Jupiter

Die ersten Nächte werden noch vom recht vollen Mond dominiert.


Mondaufgang am 9. 9. über dem abendlichen St. Anna am Aigen

Der Mond hüllt die Gegend bald in ein mattes, sanftes Licht, hellt aber den Himmel auf.


Der Schütze über den vom Mond beleuchteten Weinbergen

Schon die Fotos bei Mondlicht machen eines deutlich: Mit künstlichem Licht wird hier sehr behutsam umgegangen in der südlichen Steiermark. Abgesehen von der allerorts recht hellen Beleuchtung der Kirchen ist die Straßenbeleuchtung äußerst gedämpft, strahlt kaum nach oben und ist auf das notwendigste Maß reduziert (vielerorts fehlt sie komplett). Ob hier umsichtige Bürgermeister am Werk sind oder einfach nur der Sparstift regiert, bleibt dahingestellt, für astronomische Tätigkeiten ist es schlicht und einfach ein Traum.

Am 9. September ist der Mond recht voll und erhellt die Gegend, doch der Mond nimmt ab - auch wenn sich seine Untergangszeit kaum verschiebt, von rund 20.00 Uhr am 9. bis rund 21.10 Uhr am 12. Der Effekt des Erntevollmonds schlägt noch einmal zu. Die steigende Deklination des Mondes von Abend zu Abend verlagert zwar den Aufgangspunkt rasch nach Nordosten, verfrüht damit aber auch den Mondaufgang, der normalerweise von Abend zu Abend rund 50 Minuten später erfolgt. Am 12. gipfelt der Mondlauf ja dann in der schönen Pleiadenbedeckung, da gibt's einen eigenen Beobachtungsbericht dazu.


9. 9.


10. 9.


11. 9.


12. 9.

Die Aufnahmen sind übrigens Schnappschüsse mit dem 300mm Tele aus der Hand.

Je weiter sich der Mondaufgang in die Nacht verlagert, desto länger wird die astronomisch dunkle Zeit zwischen Dämmerung und Mondaufgang. In dieser Zeit macht sich die enorme Lichtdisziplin in dieser Gegend wirklich beeindruckend bemerkbar. Die Milchstraße dominiert den Himmel um diese Jahres- und Tageszeit, und zwar auch mitten in dem kleinen Ort (sogar am Hauptplatz, obwohl hier ein Architekt ein paar senkrecht nach oben weisende Scheinwerfer in den Boden eingelassen hat - aber wozu gibt's bewegliche Mülltonnen?).

Unter diesem klaren Himmel wage ich mich daran, eine Reise in die Vergangenheit zu unternehmen. Mit dem kleinen Refraktor geht es ans Star Hopping. Wie mögen die ganzen Objekte mit 50mm aussehen, wo ich sie die letzten Jahre kaum mit weniger als 300mm beobachtet habe? Es ist erstaunlich.

Erstens, dass man gewisse Dinge nicht mehr verlernt, wenn man sie einmal gut gelernt hat; ich meine das Auffinden der Objekte. Kein Problem, lediglich für Exoten wie M75 oder M30 brauche ich eine Sternkarte. Der Rest geht nach wie vor auswendig und ohne Hilfsmittel. Ich kann nur noch einmal eine Lanze brechen: Für Einsteiger kein GoTo-Teleskop! Den Himmel gut zu kennen trägt entscheidend zur Freude bei; die Wege zu den Objekten zu beschreiten, von Stern zu Stern, ist wie eine schöne Wanderung. Ohne surrende Motoren, ohne Einnorden, einfach drauflos.

Zweitens, was dieses kleine Instrument zeigt. Klar, die Kugelsternhaufen sind nicht aufgelöst. M13 ist eine riesige, diffuse, aber helle Wolke; ebenso M22. M92, M15, M2, M28 sind kleiner, aber auch helle, diffuse, rund Wölkchen. Offene Sternhaufen sind spannend: Die großen, lockeren wie h+χ Per, M39 oder M25 sind klarerweise gut aufgelöst. Doch die kleineren oder dichteren (M103, NGC 457, M23, um nur einige zu nennen) erscheinen zwar aufgelöst, aber diffus hinterlegt - so wie sie Messier oft als "Nebel mit Sternen" beschreibt! M11 schließlich ist auch nicht aufzulösen, sondern erscheint wie ein heller, diffuser Fleck. Am überraschendsten sind die Nebel: M57 ist winzig klein, fast sternartig. M27 ist klar und deutlich, eigentlich recht hell; aber auch M8 und sogar M20 (obwohl tief) sind zu erkennen; M16 und M17 ebenfalls durchaus deutlich, wenngleich ihre Form nicht wirklich herauskommt.

Das alles ging ja ohne Sternkarte; die brauche ich aber, um ein paar sehr südliche Exoten aufzufinden: M30, M75, M54 und M55 sind schon eine Herausforderung, aber zu schaffen. Ja, man kann mit so einem kleinen Instrument alle Messier-Objekte (gut) erkennen. Messier hatte nichts besseres, im Gegenteil.


Die Milchstraße über dem südsteirischen Weinland

Doch die Milchstraße ist eindeutig das dominanteste Objekt hier am Himmel. Von Horizont zu Horizont zu verfolgen, reich strukturiert, sogar die Dunkelwolken kommen gut heraus. Ich fotografiere einige Bereiche, zuerst als Einzelbilder, dann Serien von je 5 Aufnahmen zu 25 Sekunden bei 1600 ISO. Das kommt dem Eindruck mit freiem Auge schon nahe. Eigentlich habe ich Bilder der ganzen Milchstraße von Horizont zu Horizont. Wer kennt eine Software, die so ein Mosaik schafft?


Milchstraße mit h+χ Per, M31, Flugzeug und Kirchenscheinwerfer

Also doch Astronomie im Urlaub, aber von einer sehr entspannenden Seite, ohne (viel) Technik, sozusagen Himmel pur.

Mich wundert, dass die Gegend in Amateurkreisen nicht bekannter ist. Sehr dunkel, flacher Horizont und eine durchaus sehenswerte Wetterstatistik (sonst würden hier wohl keine Südfrüchte bis zu, naja, Bananen gedeihen). Wäre ein südsteirisches Teleskoptreffen nicht eine gute Idee? Grenzüberschreitend, denn das Burgenland, Ungarn und Slowenien sind wirklich nur einen Steinwurf entfernt und sogar Kroatien ist nicht weit (drum muss man mit dem Handy aufpassen, mindestens acht Netze melden sich!). Vielleicht nimmt der Gedanke ja einmal konkrete Formen an. Einen Platz hätte ich auch schon gefunden: Hochstraden. Liegt in dieser herrlichen Gegend rund 600m hoch und ist damit auch über dem Bodendunst.