Deep Sky, Uranus freisichtig

Kleingöttfritz, 23. 09. 2006

20060923twe19.html

Beobachter:Thomas Weiland
Datum:23. 09. 2006
Zeit:19.00 bis 01.00 UT
Ort:Kleingöttfritz
Instrument:Maksutov-Newton 127/762 mm, 40-, 12- und 6-mm-Okular
Bedingungen:
Durchsicht:sehr gut (1)
Aufhellung:sehr gut (1)
Seeing:schlecht (4)
Freis. vis. Grenzgroesse:6.5
Wind:maessig aus SE
Bemerkungen:Wolkenlos, extrem klar, unruhige Luft
Bericht:

Auf Grund der geringen Industrialisierung sowie der Tatsache, dass sich die meisten Ortschaften in Senken befinden, zählt das Waldviertel zu den am wenigsten lichtverschmutzten Regionen in ganz Österreich. Demzufolge kann sich mein bevorzugter Standort in der Nähe von Grafenschlag, südlich von Zwettl, durchaus mit dunklen Alpengegenden messen (siehe dazu die Übersichtskarte der Lichtverschmutzung in Österreich, welche auch über die Homepage von Walter Koprolin aufrufbar ist). Meist beträgt die freisichtige Grenzgröße mehr als +6,0mag, und fast immer spannt sich die Milchstraße von Horizont zu Horizont. Heute Abend ist die Atmosphäre noch klarer als sonst, lediglich der mäßige bis lebhafte Wind aus Südost lässt die Sterne deutlich flackern.

Anstelle des Feldstechers habe ich diesmal meinen Maksutov-Newton 127/762 mm im Gepäck. Meist in Verwendung, wenn es auf planetarische Details ankommt, möchte ich heute ein paar Deep-Sky-Objekte besuchen.

Ich starte meine Reise mit NGC 6822 ("Barnard's Galaxie") im Schützen, einem nicht ganz einfach zu erfassenden Spiralnebel, welcher zu unseren Lokalen Gruppe gehört. In der Tat muss ich zweimal hinsehen, bis ich das äußerst schwache Wölkchen im 40-mm-Okular (19x) erkennen kann. Bei dunstigerem Himmel wäre da wohl nichts zu machen. Anschließend wende ich mich dem benachbarten planetarischen Nebel NGC 6818 zu, der bei 19x als unscharfer "Stern" erscheint. Auch das 12-mm-Okular (63,5x) bringt keinen Detailgewinn, die Luft ist einfach viel zu unruhig. Somit beschränke ich mich im Laufe der Nacht darauf, weitere Objekte dieser Kategorie, wie NGC 7009 ("Saturn-Nebel"), NGC 246, NGC 7662, NGC 1535 und NGC 1360, mit kleinen bis mittleren Vergrößerungen (19x bzw. 63,5x) zu betrachten. Auch Kugelsternhaufen, wie M 30, M 72 und NGC 288, erleiden das gleiche "Schicksal": Vergrößerungen von 127x (6-mm-Okular) machen kaum Sinn, wenngleich "Paradehaufen", allen voran M 2 und M 15, trotzdem beeindruckend sind.

Die große Stunde schlägt heute jenen Objekten, nach denen man sonst, infolge ihrer geringen Flächenhelligkeit, lange suchen muss. Ich wechsle daher wieder zum 40-mm-Okular und gehe mit meinem Rich-Field-Teleskop auf Jagd. Da ist zunächst einmal NGC 7293 im Wassermann, besser unter der Bezeichnung "Helix-Nebel" bekannt. Gleich der erste Schwenk in besagte Region lässt ihn eindeutig erkennen. Geisterhaft steht er da, ein "Rauchring" von beeindruckender Größe (12' Durchmesser). Anschließend wende ich mich NGC 253, der "Bildhauer-Galaxie", zu. Auch sie hebt sich deutlich vom samtig dunklen Hintergrund ab, eine dünne "Spindel" von 20' Länge mit oval verdichtetem Zentrum. Beide Objekte zählen zu meinen Lieblingszielen am herbstlichen Himmel.

Dann geht es zurück zum Steinbock, der sich, ebenso wie Wassermann und Fische, ungewohnt klar über den Horizont erhebt. Neptun (+7,7mag) ist schnell eingestellt, sein Durchmesser und seine Farbe (blass bläulich) sind auf Grund der unruhigen Luft nur ansatzweise erkennbar (127x). Heute vor genau 160 Jahren wurde er übrigens entdeckt. Doch der eigentliche "Star" des Abends ist sein Nachbar Uranus (+6,1mag), derzeit leicht zu finden, schließlich bildet er ein fast gleichseitiges Dreieck mit λ und 78 Aqr. Im Fernrohr zeigt der Planet bei 127x eine winzige, grünlichblaue Scheibe, welche, zurück zu 19x, in schönem Kontrast zum orangefarbenen λ Aqr steht. Routinemäßig blicke ich mit freiem Auge zu ihm, und diesmal kann ich ihn einwandfrei erkennen. Ich vergewissere mich nochmals, aber es besteht kein Zweifel: Uranus ist mit freiem Auge ganz leicht zu sehen!

Mittlerweile macht sich Fomalhaut, der südlichste Stern 1. Größe, der bei uns sichtbar wird, über den Baumwipfeln bemerkbar. Sein weißes, flackerndes Licht erscheint bei 19x wie ein Diamant.

Der unruhigen Luft überdrüssig schwenke ich mit gleicher Vergrößerung zurück zum Schwan, gleichsam als Abschied vom Sommer, der heute früh zu Ende ging. Am "Cirrus-Nebel" zeigt sich schließlich die Qualität der Nacht: selbst NGC 6960, eindeutig der schwierigere Part, erstreckt sich zu beiden Seiten von 52 Cyg. Und erst NGC 6992/5: eine Wucht! Man kann förmlich die Kraft der seinerzeitigen Explosion spüren, die in diesem "zerflederten" Supernovarest steckt. Nach dem Bindeglied der beiden, "Pickering's Triangular Wisp", suche ich allerdings vergeblich. Doch schnell ist mit NGC 7000, dem "Nordamerika-Nebel", ein weiterer Höhepunkt eingestellt. Freisichtig ohne Problem erkennbar, hält er auch im Fernrohr, was er verspricht. "Mexiko" und "Labrador" sind auf Anhieb auszumachen, bei längerer Suche verliert sich das Auge in den Weiten "Kanadas". Dadurch ermutigt, wende ich mich NGC 1499, dem "Kalifornien-Nebel", zu. Leider ist seine charakteristische Form nicht wirklich zu erkennen, ich muss zufrieden sein, ihn ohne Filter zu erhaschen. Dafür überzeugt M 33, ein weiteres Mitglied unserer Lokalen Gruppe, umso mehr. Ein großer, ovaler Fleck, dessen hellste Bereiche, vom Zentrum abgesehen, einzelne Spiralarme markieren. Fast schon selbstverständlich, dass auch sie dem freien Auge nicht verborgen bleibt.

Nach solch einer Pracht haben es kleinere Galaxien natürlich schwer. NGC 247 zählt beispielsweise dazu, ein länglich-dünner, N-S gerichteter Nebelfleck, oder M 77, die infolge ihres extrem hellen Zentrums auf den ersten Blick stellar erscheint. Auch M 74 und NGC 7331 wirken mehr auf Grund ihres subtilen Charakters als durch ihre Größe.

Zur Abwechslung besuche ich ein stellares Objekt: γ Ari, ein hübscher Doppelstern mit zwei weißen, praktisch gleich hellen Komponenten (7,7" Distanz), erscheint im 12-mm-Okular (63,5x) einwandfrei getrennt.

Zu guter letzt - schließlich bin ich schon fast sechs Stunden am "Rohr" - wende ich mich mit 19x unserer Nachbargalaxie, dem "Andromeda-Nebel", zu. Damit ist der Reigen unserer Lokalen Gruppe beinahe komplett. Mit freiem Auge nicht zu übersehen, sorgt sein Anblick im Fernrohr für Begeisterung. Eine riesige, ovale, zentral verdichtete Wolke, die bei genauerem Hinsehen ein wenig von ihren Spiralarmen erahnen lässt. Trabanten, wie M 32 und M 110, die als runder bzw. länglich-ovaler Fleck erscheinen, begleiten ihn und rufen Erinnerungen an unsere "Magellan'schen Wolken" wach. Doch die gelangen leider nie über den mitteleuropäischen Horizont.