Deep Sky-Traum

Hohe Wand, beim Gasthof Postl, 30. 12. 2008

20081230api18.html

Beobachter:Alexander Pikhard
Datum:30. 12. 2008
Zeit:18:00 bis 00:45 Uhr MEZ
Ort:Hohe Wand, beim Gasthof Postl
Instrument:6" Skywatcher Refraktor 150/1200mm, Canon EOS 350D
Bedingungen:
Durchsicht:sehr gut (1)
Grenzgröße:6,8 mag
Aufhellung:gut (2)
Seeing:ausreichend (3)
Wind:Zeitweise ein Hauch von NE.
Temperatur:-7°C
Feuchtigkeit:trocken
Sonstige Bedingungen:Wolkenlos. Sehr trocken. Nichts läuft an, nichts vereist.
Bericht:

Das Jahr 2008 hatte, vor allem seit September, nur wenige gute Nächte zu bieten. Als wollte das Jahr um Verzeihung bitten, durften wir gestern eine der besten Deep Sky Nächte für viele Jahre auf der Hohen Wand erleben, in Worten nicht zu beschreiben.

Die Beobachtung ist schon länger geplant, denn das stabile Hochdruckgebiet über Europa läßt keinen Zweifel aufkommen, dass der 30. 12. einer der besten Termine für eine Beobachtungsnacht in der Bergen sein würde.

Daher bereite ich auch einiges vor. Nach den Erfahrungen vom 3. Dezember am Grubberg bei "nur" -2°C habe ich die EQ-5 des 6" Skywatcher ziemlich gründlich überholt, das vom Vorbesitzer überall, auch in den Polsucher, eingeflößte Kriechöl entfernt und letzteren justiert.

Als ich um 18 Uhr auf der Hohen Wand ankomme, ist ein Beobachter schon da (mehr als 4 werden es heute nicht, aber wer diese Nacht versäumt hat, ist selbst schuld). Eine wunderschöne Winterstimmung empfängt mich. Es ist kalt (-7°C), aber trocken und windstill und somit erträglich. Es liegt etwas Schnee und er knirscht herrlich unter den Füßen, muss auch ein traumhafter Schnee zu Schifahren sein. Venus strahlt im SW wie ein Scheinwerfer vom Himmel.


Venus und der Lichtschein vom Hirschenkogel

Und noch ein Scheinwerfer, genauer gesagt deren viele, stört allerdings etwas. Der nahe Hirschenkogel läßt grüßen, bis 22 Uhr in voller Stärke, danach "nur" mehr wenig störend. Ich frage mich, ob das sein muss. Die Natur ist in der Nacht viel schöner ohne dieses Flutlicht. Na ja, vielleicht erledigt sich dieser Auswuchs des Tourismus ja einmal von selbst.

Im Westen strahlt die Milchstraße im untergehenden Sommerdreieck vom Himmel.


Milchstraße im Sommerdreieck im Westen

Ich möchte heute wissen, wie weit "Easy Pictures" gehen können. Daher wende ich einige Zeit mit dem Einnorden der Montierung auf. Der Polsucher ist einigermaßen justiert und mit Hilfe einer Sternkarte stelle ich die Polachse genau auf den Himmelspol. Mal sehen. Easy Pictures heisst, Kamera ans Rohr, fokussieren und belichten. Und minimal ausarbeiten.


Nebel im Tal, darüber Beobachtung unter klarem Himmel


Orion geht auf

Nach den guten Erfahrungen von gestern mit 30s-Aufnahmen wage ich mich voll Optimismus und auf das gut eingenordete Rohr vertauend gleich an Belichtungszeiten von 40s. Und werde nicht enttäuscht, ausser vom Seeing, das die Sterne doch ziemlich verwäscht (natürlich geht auch einiges aufs Konto des reinen Achromaten, es ist halt kein Apo).

Alle Aufnahmen mit Canon EOS 350D bei 1600 ISO. Brennweite zunächst F=1200mm. Verkleinerte Bildausschnitte, nicht notwendigerweise im gleichen Maßstab. Und alle Aufnahmen ohne Autoguider (kann die Montierung gar nicht)!


M42, 13x40s

Nicht schon wieder M42?! Aber bitte doch.


M1, 10x40s

Das läuft gut. Bei 40s sind die Sterne auf den meisten Aufnahmen punktförmig, der Schneckenfehler ist fast nicht vorhanden und die Einnordung brauchbar. Beim Stacken mit AstroArt merke ich eine leichte Drift, eine Verbesserung der Aufstellung wäre also noch möglich. Für Easy Pictures reicht es aber. Die Sterne sind leider "Pletschen", einerseits wegen des Seeings, andererseits wegen des Achromaten, und leider "wandert" der Fokus auch, warum, kann ich mir nicht ganz erklären.


M31, 14x40s. Geht auch noch, auch wenn die Sterne nicht ganz rund sind.

Mein heutiges astrofotografisches Selbststudium wird ein Grenzgang. Ich gehe auf 60 Sekunden.


M33, 12x60s

Na also, geht ja. Das erste eher schwierige Objekt, und gar nicht schlecht. Für die nächsten Objekte gehe ich aber zunächst auf 40 Sekunden zurück, ganz einfach, weil die reichen sollten.


NGC 7789, 14x40s. Bin mit den Sternen nicht ganz zufrieden. Fokussiere nach.


M78, 10x40s. Leider kommt der Farbunterschied der zwei Sterne im Nebel nicht so gut heraus. Oben NGC 2071, rechts NGC 2064.


M79, 9x40s, der "Kugelsternhaufen des Winters" im Hasen

Der Himmel ist einfach ein Traum. Die Milchstraße zieht sich von Horizont zu Horizont, vom Schwan im Nordwesten bis zum Großen Hund im Südosten. Noch selten habe ich die Milchstraße am Winterhimmel so deutlich gesehen.


Beobachter unter dem Orion


Eridanus kulminiert. Im Tal Nebel. Rechts oben: Mira nahe Maximum!

Zurück zu astrofotografischen Grenzgängen. Zunächst zu den Akkus der EOS 350D. Nummer eins ist am Ende, ich wechsle. Eine Minute war möglich. Wie sieht es mit eineinhalb Minuten aus? Ich probiere an zwei Klassikern.


M82 (links) und M81 (rechts), 5 x 90s

Wow, das geht ja immer noch. Und bemerkenswert: Kein Rauschen! Die -7°C Außentemperatur kühlen die EOS 350D offenbar so gut, dass ich nich ein einziges Hot Pixel bemerke und auch das Ausleserauschen in der rechten unteren Bildecke kein Problem darstellt. Faszinierend!

Mit kommt eine Idee. Was ist, wenn ich die Brennweite reduziere? Der Meade-Reducer verkürzt mein LX-200 auf f/6,3, das müsste bei dem Skywatcher eine Brennweite von rund 720mm ergeben. Mal sehen, ob das Bild noch eben ist. Alle Fernrohraufnahmen jetzt mit dieser Brennweite.


M42 und Umgebung, 4 x 90s

Wow! Die äußersten Ausläufer von M42, der Running Man, alles da. Ich werde übermütig ...


Der Flammmennebel NGC 2024, unten IC 434 mit dem Pferdekopfnebel B33.
Links von der Mitte NGC 2023. Der helle Stern ist ε Orionis.

Wow, wow. Das ist noch immer ein Easy Picture, weil die Aufnahme komplett frei gelaufen ist, ohne grossen technischen Aufwand, nur mit einer kleinen EQ5, auf sich alleine gestellt, angetrieben von einem kleinen Schrittmotor. Und eine Canon EOS 350D, die von einer Fernsteuerung bedient wurde. Währenddessen habe ich einfach den Himmel auf mich einwirken lassen.

Der zweite Akku gibt auf. Frust. Da ist doch noch so viel Himmel da! Ich habe eine Idee. Vielleicht hat sich der erste inzwischen regeneriert? Er hat, denn die Kälte setzt den Akkus zu. So lagere ich Akku zwei in meinem linken Handschuh, während Akku eins die nächsten Aufnahmeserien macht.


M31 und M32, 5x90s. Mist, warum habe ich M110 nicht mitgenommen ...


M33, 5x90s.


h + χ Per, 2 x 90s

Der Akku gibt wieder auf, aber ich bin schon recht zufrieden und es ist außerdem schon weit nach Mitternacht. Noch ein Foto der Wintermilchstraße.


Die zarte Wintermilchstraße zwischen Orion und Kleinem Hund

Heute Nacht habe ich unendlich viel gelernt. Gut einnorden ist der Schlüssel für gute Astrofotos. Einmal fokussieren reicht nicht, muss man immer wieder machen. Zwei Akkus sind bei einer Canon EOS 350D für eine Nacht viel zu wenig. Fotografieren macht nur bei wirklich gutem Himmel wirklich Sinn. Und: Astrofotografie muss nicht teuer sein. Das Rohr samt dieser einfachen EQ-5 Montierung, die stundenlang toll nachgeführt hat, haben wir gebraucht um 400 Euro erstanden. Ein entsprechendes Neugerät (8" Newton auf gleicher Montierung) ist um 600 Euro zu haben. Samt Stativ. Dazu die Kamera, die gibt es schon ab 600 Euro. Die Steuerung dazu, 100 Euro. Los geht's!

Tüftler werden an den Aufnahmen vieles auszusetzen haben. Ich aber möchte mit diesem Bericht von dieser herrlichen Nacht allen Mut machen, die sich angesichts der Weltspitze der Astrofotografen gar nicht darüber trauen, den Himmel aufzunehmen. Tun sie es, es ist gar nicht schwer!

Zuletzt besuche ich alle diese Objekte und noch mehr auch visuell. Wow, wow und nochmals wow! Den Pferdekopfnebel kann ich visuell ausmachen, und das bei 6" Öffnung! Und mit einem 40mm Pentax-Okular und UHC-Filter kann ich ohne Probleme auch den Rosettennebel erkennen.

Dass Saturn schon recht hoch steht, ignoriere ich. Der steht heute nicht auf dem Programm. Einen Planeten, der schon mit freiem Auge flimmert, braucht man nicht im Fernrohr zu beobachten.

Widerwillig baue ich ab und trete die Heimfahrt an. Kann so eine Nacht nicht ewig dauern?