Ein kleiner Astrourlaub in Österreich

Hohe Wand, Alpengasthof Postl, 25. bis 29. Juli 2022

Eigentlich sollte hier der Bericht von der Summer School 2022 stehen. Plus jener vom Sommerworkshop 2022. Plus jener von der Summer Star Party 2022. Doch leider, diese drei können wir nicht schreiben. Denn für Summer School und Sommerworkshop gab es viel zu wenige Anmeldungen, so dass wir leider absagen mussten. Und die Summer Star Party wurde ein Opfer schlechten Wetters. Die nötige Urlaubswoche will ich aber nicht in Wien verbringen (und auch nicht stornieren) und so geht es eben auf Astrourlaub auf die Hohe Wand. Astrourlaub in Österreich? Klingt verrückt, ist es auch, aber eigentlich ganz reizvoll. Doch lest selbst.

Montag, 25. Juli 2022

Es sind die Wettermodelle, die als Planungsgrundlage dienen. Hätten diese etwa Dauerregen für die ganze Woche vorhergesagt, ich wäre nicht auf die Hohe Wand gefahren. Doch so ist es nicht. Speziell für diesen Montag wird recht einheitlich eine sehr gute Nacht prognostiziert, eigentlich die einzig wirklich gute; doch die Erfahrung lehrt, dass jegliche Wetterprognose über mehr als zwei Tage sinnlos ist. Aber für heute sind die Aussichten gut. Also wird aufgebaut. Wegen doch etwas stärkeren Windes und auch aus der Bequemlichkeit heraus, nicht einmal die 50 Meter zum Beobachtunsplatz zurücklegen zu müssen, bauen wir auf einer Wiese direkt vor dem Alpengasthof Postl auf. Licht vom Haus ist nicht zu befürchten, denn alle Beobachtenden sind die einzige Pensionsgäste und das Personal, das auch im Haus nächtigt, geht früh schlafen, denn der Arbeitstag beginnt zeitig.

Allein, das Wetter ... Über Nordtirol und Südbayern bildet sich eine mächtige Gewitterzelle (mit dort verheerenden Folgen), deren Cirrenschirm mit Dunkelheit den Alpenostrand erreicht. Das war's dann. Abbau. Nachtspaziergang. Erstaunlich ist das Leben in der Wand bei Nacht. Alpensteinböcke sammeln sich im Licht eines immensen Scheinwerfers, mit dem ein offenbar überängstlicher Bewohner der Hohen Wand sein Anwesen samt umgebender Landschaft beflutet. Ein Fall für den Naturschutz? In der Wand leuchten Glühwürmchen ungewöhnlich hell. Und dann, wer hält es für möglich, gibt es auch noch Menschen, die die Wand bei Nacht erklettern, mit Stirnlampen. Am Horizont erstes Wetterleuchten. Was für ein Treiben hier bei Nacht ...


Der Abend des 25. Juli 2022 verläuft noch verheißungsvoll und in Erwartung einer Beobachtungsnacht bauen wir vor dem Alpengasthof Postl die Geräte auf. (Mit Mausklick vergrößern)


Doch es kommt anders. Dichte Cirren verdecken den Blick auf die Sterne und sind gekommen, um zu bleiben. Lichter der Nacht, anders: Links oben Meiersdorf. Rechts oben: Das ist doch nicht Etosha! Alpensteinböcke im Licht eines viel zu hellen Scheinwerfers. Links unten: Ein Glühwürmchen in der Wand. Rechts unten: Man glaubt es nicht ... Nachtkletterer! (Mit Mausklick vergrößern)

Dienstag, 26. Juli 2022

Laut Wettermodellen soll der heutige Abend der hoffnungsloseste bis zum Wochenende werden. Niederschlag ist angesagt, dichte Bewölkung ohnedies. Doch je näher der Abend kommt, desto freundlicher wird es. Das sieht doch ganz nach Rückseitenwetter aus?! Ein Blick auf das Satellitenbild sagt: Aufbau! Und heute soll es nicht umsonst sein. Die Nacht wird zusehends wolkenlos, erst einige Zeit nach Mitternacht ziehen wieder Wolken auf.


Laut Wettermodellen der hoffnungsloseste Abend, doch oft kommt es anders. Also erneut Aufbau der Instrumente. Diesmal nicht umsonst. Wir bauen wieder vor dem Alpengasthof Postl auf, da wir in diesem die einzigen Gäste sind und wir uns so selbst die kurze Fahrt zum Beobachtungsplatz ersparen. (Mit Mausklick vergrößern)


Dämmerungsstimmung am 26. Juli 2022. Letzte Wolken verschwinden bald. (Mit Mausklick vergrößern)


Der Himmel in der Nacht vom 26. auf den 27. Juli 2022 präsentiert sich sehr gut. (Mit Mausklick vergrößern)


Deep Sky in der Nacht vom 26. auf den 27. Juli 2022. Links oben Beta Lyrae (Sheliak) noch in der Dämmerung. ASI 1600MM, je 10x30s RGB. Links unten Der offene Sternhaufen NGC 7142 und der Reflexionsnebel NGC 7129 im Kepheus. ASI 1600MM, je 10x60s RGB. Rechts der Emissionsnebel NGC 7380 im Kepheus. ASI 1600MM, je 10x60s RGB plus 15x180s H-alpha. Ausarbeitung der Deep Sky Objekte noch provisorisch. Ausarbeitung AstroPixelProcessor - ACDSee. (Mit Mausklick vergrößern)

Mittwoch, 27. Juli 2022

Für heute Nacht sagen die Wettermodelle keine allzu gute Nacht voraus, wenngleich es auch wolkenärmere Phasen geben soll. Zunächst präsentiert sich der Abend noch dicht bewölkt. Der Blick aufs Satellitenbild und aufs Regenradar zeigt aber, dass es besser wird. Also: Aufbau Nummer drei. Und es soll sich lohnen! Erneut freuen wir uns über eine sehr klare Sternennacht mit tollen Ergebnissen. Allerdings ist es in dieser Nacht vom 27. auf den 28. Juli 2022 die Feuchtigkeit, die dem Spaß ein Ende bereitet. Gegen 2 Uhr schwimmt alles, kaum ein Gerät funktioniert noch einwandfrei. Die Ausrüstung wird unverpackt im Auto verstaut, um dort zu trocknen. Ich werde lernen: Unverpackt ist noch zu wenig ...


Laut Wettermodellen soll das heute eine nicht ganz so perfekte Nacht werden. Nicht einmal danach sieht es am Abend aus, aber es kommt zum Glück anders. (Mit Mausklick vergrößern)


Es soll sogar die perfekteste Nacht werden! Oben ein Teil der Gamma-Cygni-Region. Der helle Stern Gamma Cygni (Sadr) ist rechts unten im Bild. Oben rechts im Bild der offene Sternhaufen NGC 6910. Links im Bild die Emissionsnebel DWB 72 und 77. ASI 1600MM, je 10 x 60s RGB plus 20 x 180s H-alpha. Untere Reihe, von links nach rechts, Messier 103 in der Kassiopeia, Messier 11 im Schild (Region) und Messier 11 (Detail). Diese Aufnahmen ASI 1600MM, je 10x60s RGB. Allerdings: Es ist extrem feucht, das beendet die Beobachtungsnacht eher als die Morgendämmerung. Ausarbeitung: AstroPixelProcessor - ACDSee. Gamma Cygni zusätzlich Photomatix pro. (Mit Mausklick vergrößern)


Und dann sind da noch drei Planeten in der Nacht (28. 7. 2022, ca. 2.30 Uhr MESZ), wenngleich das Seeing nie gut ist. Oben: Jupiter (rechts), Mars und Plejaden (links). Unten, von links nach rechts: Mars, Jupiter, Saturn. Jeweils ASI 178MC an 6" Newton + 3x TeleVue Barlowlinse = f/15, FireCapture - PIPP - AutoStakkert! - Registax Wavelet - ACDSee. (Mit Mausklick vergrößern)

Donnerstag, 28. Juli 2022

Nach der klaren, aber feuchten Nacht erwartet uns ein wolkenarmer Sommertag. Zum ersten Mal nützen wir diesen für eine Taghimmelbeobachtung. Die heute fleckenarme Sonne und Venus am Taghimmel sind die beiden Beobachtungsobjekte. Diese Session dient natürlich auch dazu, die Ausrüstung trocken zu legen. Denn die bloße Aufbewahrung im Auto war doch etwas zu wenig.

Am Abend verheißen zunächst wenige Wolken eine schöne Beobachtungsnacht, auch die Wettermodelle sind nicht ganz pessimistisch, wenn auch nicht so gut wie der direkte Blick zum Himmel. Also Aufbau Nummer ... fünf! Er beginnt mit Frustration Nummer eins: Meine ASI 1600MM ist noch zu feucht, so dass sie (zum Glück außen) beschlägt, sobald die Kühlung eingeschaltet wird. Also: Zerlegen! Filterrad abschrauben und alles nochmal trocken lassen, zum Glück weht trockener, föhniger Wind (sonst wäre der Haartrockner am Zimmer zum Einsatz gekommen). Einstweilen nehme ich mit der Canon EOS 90D DSLR auf. Wie ging das noch?

Frustration Nummer zwei: Zwei Gewitterzellen aus Osttirol und Kärnten schicken ihre Cirren nach Nordosten, sie erreichen uns bald. Der Himmel präsentiert sich weichgezeichnet. Doch gegen Mitternacht das Wunder. Die Cirrenschirme lösen sich auf und die nachfolgenden einer mächtigen Front sind noch zu weit weg. Auch meine ASI 1600MM ist endlich trocken und so kann ich noch ein paar Objekte damit aufnehmen. Im Südwesten wird das Wetterleuchten intensiver und kurz vor 2 Uhr kommt mit dem nächsten Cirrenschirm das "Aus" für diese Nacht.


Taghimmelbeobachtung am Vormittag des 28. Juli 2022. Neben der Sonne kann auch Venus bestaunt werden, damit haben wir alle vier Morgenplaneten, wenn auch nicht gleichzeitig am Morgen. (Mit Mausklick vergrößern)


Sieht gut aus am Abend des 28. Juli 2022, also Aufbau. Zum fünften Mal. (Mit Mausklick vergrößern)


Die Nacht 28./29. Juli 2022 beginnt weniger gut als erhofft. Erneut bedecken viele Cirren den Himmel. Auch wenn sie dünn sind, wirken sie wie ein Weichzeichner. Dann verweigert die ASI 1600MM zunächst den Dienst. Es ist noch zu viel Feuchtigkeit im Filterrad, die bei eingeschalteter Kühlung zu Beschlag führt. Erst nach einer längeren Trockenphase ist sie einsatzbereit, bis dahin greife ich zur Canon EOS 90D DSLR. Oben: Links NGC 6885 im Füchslein, noch in der Dämmerung. Mitte Cr 399, der Kleiderbügelhaufen. Rechts Messier 39 im Schwan. Alle durch Cirren und mit Canon EOS 90D, 10 x 30s. Unten: Endlich ist die ASI 1600MM einsatzbereit. Links NGC 6819 im Schwan ("Foxhead"), rechts NGC 6633 im Schlangenträger. Beide je 10x30s RGB. Ausarbeitung immer: AstroPixelProcessor - ACDSee. (Mit Mausklick vergrößern)

Zwischenfazit

Wer Zeit und nichts anderes vor hat, kann durchaus einen Astrourlaub auch in unseren Breiten wagen. Die Wettermodelle sind von enden wollender Genauigkeit und speziell im Bergland gelten lokale Regeln, die kaum modellierbar sind. Wetterbeobachtung (visuell am Himmel, Satellitenbild und Regenradar) ist unerlässlich, um eine eigene, lokale Kurzzeitprognose zu erstellen. Kurze Auf- und Abbauwege sind von Vorteil. So lässt sich das typische mitteleuropäische Wetter mit seinen im Regelfall rasch durchziehenden Fronten aushalten. Eine Kaltfront am Vormittag heißt nicht, dass am Abend nicht beobachtet werden kann. Lediglich ein Tief, das einen direkt erwischt, wäre ein Showstopper, aber diese Wetterlage ist zum Glück eher selten.

Allgemeines

Auch bei einem Astrourlaub muss sich nicht alles um Astronomie drehen. Es gibt genug Zeit, "den Rest" der Natur zu genießen. Gerade auf der Hohen Wand gibt es dazu ausreichend Gelegenheit.


Natureindrücke von der Hohen Wand. (Mit Mausklick vergrößern)


Natureindrücke von der Hohen Wand. (Mit Mausklick vergrößern)


Gleitschirmflieger in ihrem Element. (Mit Mausklick vergrößern)

Fazit

Es wäre schön, wenn die WAA Summer School wieder einmal zustande kommt. Möge dieser Bericht eine Anregung sein. Der Bonus für Einsteiger*innen in die Hobbyastronomie ist, dass Erfahrene da sind, die gerne helfen. Also vielleicht bis nächstes Jahr ...

Alexander Pikhard


Wiener Arbeitsgemeinschaft für Astronomie.
www.waa.at