WAAfrika 2014 (10/15) - Die Magellanschen Wolken

Hakos Gästefarm, Namibia, 30. 06. 2014

Zurück zum südlichen Sternenhimmel. Für dieses und das nächste Kapitel des Berichts verlassen wir unsere Milchstraße und wer meint, Galaxien seien kein Thema am Südhimmel, der irrt gewaltig. Immerhin finden sich weit im Süden die beiden hellsten Objekte ihrer Art: Die Magellanschen Wolken.

Um mich jetzt nicht zu lange in Nacherzählungen zu verlieren, zitiere ich jetzt einfach den einleitenden Text aus de.wikipedia.org zu diesen interessanten Objekten: "Die Magellanschen Wolken sind zwei irreguläre Zwerggalaxien in nächster Nachbarschaft zur Milchstraße und damit Teil der Lokalen Gruppe. Sie werden mit GMW und KMW (Große/Kleine Magellansche Wolke) bzw. englisch mit LMC und SMC (Large/Small Magellanic Cloud) abgekürzt. Die Große Magellansche Wolke in rund 170.000 Lichtjahren Entfernung enthält ungefähr 15 Milliarden Sterne, die kleine Magellansche Wolke in rund 200.000 Lichtjahren Entfernung 5 Milliarden Sterne. Den Bewohnern der Südhalbkugel waren die beiden Galaxien wohl schon seit prähistorischer Zeit durch Beobachtungen mit dem bloßen Auge bekannt, erstmalige schriftliche Erwähnung fanden sie jedoch durch den persischen Astronomen Al Sufi in seinem Buch der Fixsterne im Jahr 964. Der erste Europäer, der die beiden Wolken beschrieb, war Ferdinand Magellan bei seiner Weltumsegelung 1519. Im Fernrohr zeigt sich ihr Charakter als Galaxie, die aus Sternen, Nebeln, Sternhaufen und anderen Objekten zusammengesetzt ist. Nach der Milchstraße (also unserer Heimatgalaxie), dem Andromedanebel und dem Dreiecksnebel ist die GMW die viertgrößte Galaxie der Lokalen Gruppe."

Schon aus dieser Beschreibung werden ein paar interessante Fakten deutlich:

Da die Magellanschen Wolken mit einander und unserer Milchstraße wechselwirken, kommt es in ihnen trotz ihrer verhältnismäßig geringen Größe zu intensiver Sternentstehung, was sich in einer überdurchschnittlichen Zahl von hellen Nebelregionen und offenen Sternhaufen manifestiert. Diese Vielzahl macht die Magellanschen Wolken zu einem reichen Betätigungsfeld für visuelle und fotografische Beobachtungen.

Leider ist die gewählte Jahreszeit - südlicher Spätherbst - die ungünstigste Zeit für die Beobachtung der Magellanschen Wolken, da sie zu Mitternacht praktisch in unterer Kulmination unter dem Himmelssüdpol stehen. Die Große Magellansche Wolke steht am Abend noch tief im Südwesten, die Kleine Magellansche Wolke taucht erst nach Mitternacht tief im Südosten auf.


Kurz belichtete Aufnahme. Sie zeigt LMC am Horizont in unterer Kulmination, SMC etwas höher im Südosten.

Die Magellanschen Wolken in ihrer Gesamtheit fotografiert man am besten mit Objektivbrennweiten von 50 bis 150mm (leichtes Teleobjektiv), da sie flächenmäßig recht groß sind.


Die Große Magellansche Wolke am Sternenhimmel. 30. 5. 2014. Canon EOS 350D, F=55mm f/5.6, 10x120s bei 1600 ISO.

Leider erweist sich mein billiges Canon F=50mm f/1.8 Objektiv als optisch äußerst suboptimal.


LMC. 29. 5. 2014. Canon EOS 350D, F=50mm f/1.8, 10 x 60s bei 1600 ISO, Ausschnitt.

Taucht man mit dem Fernrohr in die LMC ein, dann ist zunächst einmal ein Objekt ein Muss: Der Tarantelnebel NGC 2070 oder 30 Doradus. Es gibt in unserer Milchstraße kein vergleichbares Objekt. Mit einem Durchmesser von in Wirklichkeit rund 2.000 Lichtjahren würde der Orionnebel mit seinen rund 30 Lichtjahren Durchmesser neben dem Tarantelnebel winzig erscheinen. Oder: An Stelle des Orionnebels würde sich der Tarantelnebel über ein Drittel unseres über dem Horizont sichtbaren Himmels erstrecken!


NGC 2070. 26. 5. 2014. Canon EOS 70D, 24 x 60 Sekunden bei 3200 ISO. Im gleichen Bildfeld liegen noch zahlreiche andere Nebel und Sternhaufen.


Ausschnitt aus obigem Bild, weniger stark verkleinert. Rechts oben der Sternhaufen NGC 1966.

Die Große Magellansche Wolke ist eine Region, die durchaus auch für lange Brennweiten etwas zu bieten hat. Die zahlreichen Nebel, offenen und kugelförmigen (!) Sternhaufen sind, bedingt durch ihre Entfernung von 170.000 Lichtjahren, durchwegs sehr klein. Mit 750mm Brennweite gelingen, wie oben beim Tarantelnebel, interessante Übersichtsaufnahmen.


Die Region um NGC 1978 (nahe der Bildmitte). 27. 5. 2014. Canon EOS 350D, F=750mm f/5, 11 x 180s bei 1600 ISO.

NGC 1978 ist ein junger (!), blauer und deutlich elliptischer Kugelsternhaufen in der LMC. Im Bildfeld sind noch zahlreiche andere offene Sternhaufen und Nebel zu sehen. Ein schönes Projekt für bewölkte oder verregnete Abende, sie mit einer guten Sternkarte zu identifizieren. Die meisten von ihnen haben NGC-Nummern.


Die Region um das Nebelgebiet NGC 1916. 28. 5. 2014. Canon EOS 350D, F=750mm f/5, 12 x 120s bei 1600 ISO.

Bei dieser Aufnahme befinden wir uns nahe der dichtesten Regionen der LMC, sie zeigt beeindruckend viele Sterne und ebenfalls eine Vielzahl an Deep Sky Objekten. Die beiden Bilder sind typisch für irreguläre Zwerggalaxien in interagierenden Systemen.

Die Kleine Magellansche Wolke ist deutlich kleiner als die Große (no na, sonst würde sie nicht so heißen). Kurioser Weise hat sie trotz ihrer Ausdehnung eine Katalognummer: NGC 292.


SMC. 29. 5. 2014. Canon EOS 350D, F=50mm f/1.8, 10 x 60s bei 1600 ISO, Ausschnitt. Links oberhalb 47 Tucanae und links NGC 362.

Auffällig ist der helle Kugelsternhaufen 47 Tucanae; während aber die Kleine Magellansche Wolke rund 200.000 Lichtjahre entfernt ist, steht 47 Tuc in "nur" 16.000 Lichtjahren Entfernung. Die beiden Objekte stehen kosmologisch in keinem Zusammenhang und nur zufällig in der gleichen Richtung am Himmel. Auch der kleinere Kugelsternhaufen NGC 362 liegt mit 28.000 Lichjahren wesentlich näher als die SMC.

Auch die Kleine Magellansche Wolke ist reich an interessanten Objekten.


Region um die beiden Nebelgebiete NGC 346 und NGC 371. 28. 5. 2014. Canon EOS 70D, F=750mm f/5, 10 x 180s bei 3200 ISO.

In NGC 346 eingebettet liegt ein offener Sternhaufen mit 70.000 Sternen. Auch in diesem Fall gibt es in unserer Milchstraße kaum ein vergleichbares Objekt.

Ein schönes, etwas zeitaufwändiges Projekt für künftige Namibia-Reisen ist ein Bildmosaik von LMC und/oder SMC mit mittlerer Brennweite. Ja kein Stück vergessen lautet die Devise!

Die beiden Magellanschen Wolken sind eine unglaubliche Bereicherung des südlichen Sternenhimmels, weil sie für alle Arten der Beobachtung vom freien Auge bis zur hochauflösenden Fotografie mit großen Instrumenten etwas zu bieten haben. Um sie zu gut zu sehen muss man aber wirklich auf die Südhalbkugel der Erde reisen, eben unter anderem nach Namibia. Das Zentrum der LMC hat eine Deklination von 70° S, das der SMC gar 73° S (das entspricht in südlicher Deklination in etwa der nördlichen Deklination von M81 und M82). Aus den südlichen Ferienregionen der Nordhalbkugel (Kanarische Inseln oder gar Mittelmeer) sind sie noch nicht zu beobachten.


Länger belichtete Aufnahme der Milchstraße mit der LMC nahe am Horizont.

Im nächsten Teil geht es dann um noch weiter entfernte Objekte am Südhimmel.

Alexander Pikhard

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Wiener Arbeitsgemeinschaft für Astronomie.
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