Reisebericht Namibia 2013

Hakos/Namibia, Lat. 23°14´11´´ S     Long. 16°21´42´´ E

Beobachter / Observer: Dr. Thomas SCHRÖFL (thomas.schroefl@waa.at)
Datum / Date: 30. 06. - 14. 07. 2013
Uhrzeit / Time: 00:00 bis 00:00 MEZ
Beobachtungsort / Location: Hakos/Namibia
Instrument: Celestron CGEPro 1100 Edge HD (2800mm/f10) mit Lepus Reducer 0,62 (1736mm/f6,2), William FLT-98 mit AFR-IV 0,8 Flattener/Reducer (494mm/f5), div. Nikon Objektive, Nikon D700, SBIG 2000XM
Bericht / Report:

30.6./1.7:

Langsam wird es zur liebgewordenen Tradition, daß Christoph Niederhametner und ich uns im Sommer (namibischer Winter) gemeinsam 2 Wochen nach Hakos begeben, um hemmungslos der Astronomie frönen zu können. Nach den wettermäßig schlechten Monaten, die hinter uns liegen, sind wir heuer besonders gierig. War voriges Jahr nur noch Monika Klapka mit, so sind wir heuer doch sechs, denn Christophs Bruder Mike ist ebenso mit von der Partie wie Georg Zotti und Markus Nagelholz.

Nachdem Air Berlin die Destination Windhoek eingestellt hat und Air Namibia in den letzten Monaten in heftigen (finanziellen) Turbulenzen und die Verläßlichkeit zweifelhaft war, reisen wir heuer mit South African Airways von München über Johannesburg nach Windhoek. Statt zu fliegen geht es mit der Bahn nach München. 3 ½ Stunden ÖBB und 40 Minuten Schnellbahn bringen uns zum Münchner Flughafen, wo wir im Biergartl bei bayrischer Kost Abschied von Europa nehmen. Beim Check-In treffen wir auf Robert Edelmaier und Familie, der heuer unastronomisch unterwegs ist und 3 Wochen lang Südafrika und Botswana bereist. Um 22 Uhr heben wir dann mit einem Airbus 340 zu einem knapp über zehnstündigen Flug nach Johannesburg ab. Der Luxus Business-Class zu fliegen ist uns heuer versagt, denn das Ticket würde statt etwas über € 1.000.— bei SAA bescheidene € 4.500.—kosten. Aber glücklicherweise ist bei SAA die Bestuhlung in der Economy-Class um einiges bequemer als bei Air Berlin. Man hat Platz genug die Füße auszustrecken, und so bringe ich es bis Johannesburg doch auf halbwegs erträgliche 5 Stunden Schlaf.

Ja und daß ich es nicht vergesse. Das leidige Thema Übergepäck zu horrenden Kosten hat sich auch entschärft. In der Economy gibt es jetzt ein Gepäcksstück mit 23kg frei, ein zweites mit 23kg zu € 100.—und bei Überschreiten der 2. 23kg bis 32kg nochmals € 100.--. So komme ich mit € 200.—durch. Auch keine Mezzie, aber doch deutlich besser als die Jahre, in denen das Übergepäck teurer war als das Ticket. Aber das ist halt das heutige Luftfahrtgewerbe. Was die Tickets in Wahrheit zu billig sind, holen sich die Fluglinien über die diversen Zuschläge wieder herein. Aber solange der König Kunde ums Täuschen mit Euro 79.—Tickets aber zusätzlichen € 150.—an diversen Gebühren, Steuern und Zuschlägen bettelt, wird sich da nicht viel ändern.

 Um 8 Uhr in der Früh kommen wir in Johannesburg an, wo wir uns dann von den Edelmaiers verabschieden und auf unseren Anschlußflug nach Windhoek warten. Theoretisch ginge der in einer guten Stunde, doch reicht die Zeit nicht, daß auch das Gepäck mitkommt. So haben wir uns entschieden lieber in Johannesburg auf die nächste Maschine zu warten als dann in Windhoek auf unser Gepäck. Zu Mittag verlassen wir Johannesburg – ich habe inzwischen den mangelnden Nachtschlaf im Transitbereich auf einer Sitzbank nachgeholt – und landen nach einem nicht ganz zweistündigen Flug um 14:30 in Windhoek. Bemerkenswert: auf solch kurzen Flügen werden in Europa nur mehr 3 Keks und ein Glas Wasser serviert. SAA serviert zu unserer Überraschung ein komplettes Mittagessen und so speisen wir halt zweimal, nachdem wir uns schon am Flughafen vor dem Weiterflug mit einem Mittagessen versorgt haben. Zoll- und Gepäcksabfertigung gehen überraschend schnell, sodaß wir dann von Friedhelm in Empfang genommen recht rasch nach Hakos aufbrechen können, wo wir schließlich gegen 18 Uhr schon mitten in der Dämmerung eintreffen und unsere Zimmer beziehen.

Die Farm Hakos ist im Augenblick ziemlich stark belegt, da diesmal besonders viele IASler (Mitglieder der IAS = Internationale Amateur Sternwarte) und andere Deutsche da sind, denn in wenigen Tagen findet in Otjiwa das 7. Südsternfreunde Treffen SSFT (Southern Star Party http://www.suedsternfreundetreffen.homepage.t-online.de/) statt, ein Treffen, das von Mitgliedern der IAS organisiert wird. So einige Astronomen aus Europa reisen extra wegen dieses Ereignisses nach Namibia.

Trotz doppeltem Mittagessen lassen wir uns das Abendessen natürlich nicht entgehen. Da es inzwischen bereits mein siebenter Aufenthalt auf Hakos ist, nimmt die Zahl der bekannten Gesichter am Tisch immer mehr zu. Hakos wird mehr und mehr zum zweiten Zuhause, auch wenn es leider immer nur zwei Wochen im Jahr sind, aber das Gefühl vom „Reisen nach Hakos“ hat sich sehr stark zum Gefühl „wieder nach Hause kommen“ gewandelt. Bis dann die ersten zum Beobachten aufbrechen vergeht die Zeit mit dem Erzählen der vorwiegend astronomischen Neuigkeiten des vergangenen Jahres.

Abgesehen davon, daß die fast eineinhalbtägige Reise doch anstrengend und ermüdend war haben wir durch die späte Ankunft auch gar keine Zeit mehr unsere Geräte aufzubauen und in Betrieb zu nehmen, vor allem Christoph, der wieder vier Montierungen und Teleskope aufbauen und zum Laufen bringen muß. So gehen wir „nur“ vor die Farm ins Freie und genießen mit freiem Auge den wie immer faszinierenden Südhimmel. So oft habe ich es schon gesehen. Aber es ist nicht zum Sattsehen, die südliche Milchstraße geht fast durch den Zenith. Der Blick schweift von Carina bis tief in den Schützen, markant die langgezogene Reihe von Dunkelnebeln, Emu genannt, mit dem Kohlensack als Kopf und dem markanten Kreuz des Südens daneben. Danach ziehen wir uns auf unsere Zimmer zurück. So früh werden wir in den folgenden Nächten sicher nicht mehr ins Bett kommen.

2./3.7.:

Tagsüber sind wir mit dem Aufbau der Geräte und Vorbereitungsarbeiten beschäftigt. Vor allem bei Christoph artet es zur Schwerarbeit aus. Auf den vier Säulen vor der Farm stehen nach getaner Arbeit aufgereiht wie eine Geschützbatterie vier Geräte: ein ASA 10 Zoll Astrograph auf einer Celestron CGE Pro mit einer SBIG STL 11000, gefolgt von einem 10 Zoll Orion Astrograph auf einer Celestron CGE mit einer Moravian CCD-Camera und dann 2 EQ 6 Montierungen mit einem 8 Zoll Astrographen mit einer SBIG 4000 und ein 6 Zoll Newton, an dem Georg Zotti beobachtet bzw. mit einer Canon 60Da fotografiert. Spitzname der Anlage: „die österreichische Astrogeschütz Batterie“ oder die internationale Bezeichnung „Austrian Astro Artillery“ kurz Triple A oder AAA.

Dagegen ist sind meine Vorbereitungen eher harmlos. Im Wesentlichen nur kontrollieren und justieren, denn das C11 wurde schon voriges Monat von Italienern betrieben und blieb gleich auf der Montierung installiert. Aber trotzdem: bis alles so ist, wie ich es mir vorstelle vergeht auch seine Zeit und nona gibt’s auch ein kleines Problem zu lösen. Da mein Sternwartennachbar nicht da ist, ist die auf der Nebensäule montierte Astro Physics 1200 Montierung frei und Friedhelm hat mir zugesagt, daß ich sie als Basis für die AstroTrac verwenden kann. So erspare ich mir den Transport der Säulenmontierung. Nicht bedacht habe ich dabei aber, daß die Aufnahmeplatte einer parallaktischen Montierung nicht in die Horizontale zu bringen ist. Beim Abendessen kommt von Christoph die Idee mit einem Tangentialarm, den er nicht benötigt, das Nivellierproblem zu lösen. Aber das wird sich erst morgen realisieren lassen, denn ich habe keine große Lust am ersten Abend im Finstern herumzuschrauben.

Das Wetter auf Hakos ist im Augenblick sehr angenehm. Tagsüber haben wir zwischen 20 und 25°C und gehen in Hemd oder T-Shirt und die Nächte sind lau bei über 10°C, also im Moment keine Anoraks, Hauben und Handschuhe, ein stärkerer Pullover reicht. Hoffentlich bleibt es so, denn kalte und frostige Nächte mit Wind haben wir hier schon genug erlebt.

Die Betreiber der österreichischen Astrogeschütz Batterie, i.e. Christoph, Mike, Monika und Georg, nützen die erste Nacht vor allem zum Einsüden der Montierungen und den ganzen notwendigen Einstellungen und Justagen der Montierungen, Cameras und Autoguider. Aber auch die ersten Aufnahmen gehen sich schon aus.

Ich bleibe meiner liebgewordenen Tradition treu und lasse in der ersten Nacht auf Hakos die Technik eher links liegen. Stattdessen durchstreife ich den Südhimmel visuell, denn Fernrohre waren ja ursprünglich zum Durchsehen gedacht, die Fotografie kam erst viel später. Bei Eta Carinae im Westen beginne ich eine lange Wanderung durch alle Sehenswürdigkeiten der südlichen Milchstrasse, die ich letztlich im Schützen beende. Zufrieden mit diesem optischen und sinnlichen Erlebnis gehe ich bald nach Mitternacht schlafen, noch nicht wissend, daß mein Plan für Morgen, nämlich die AstroTrac auf der AP 1200 zu montieren einigen Überraschungen parat haben wird.

3./4.7.:

Bei mildem Klima verbringen wir einen gemütlichen Tag auf der Farm, wenn man davon absieht, daß Christoph an einer Verkühlung laboriert und die meiste Zeit im Bett verbringt, denn mit Ende der Dämmerung heißt es ja wieder fit für die Nacht zu sein.

Mit einigem Bastelaufwand montiere ich die AstroTrac in der Sternwarte auf die AP 1200 Montierung. Georg und Markus, die mich zu einer Besichtigung der Sternwarte besuchen meinen, wahrscheinlich gäbe es auf der ganzen Welt keine zweite AstroTrac mit einem derart teuren  - und soliden – Unterbau.

Am Abend geht es dann los mit dem Einsüden der AstroTrac, dank deren „hervorragendem“ Polsucher ein Unterfangen für eher masochistisch Veranlagte. Wie man ein derart geniales Gerät mit einem so elenden Polsucher ausstatten kann, bleibt eines der ungelösten Rätsel der Astronomie. Anscheinend ist die Fähigkeit 5 vor 12 zum Denken aufhören zu können Berufsvoraussetzung, wenn man Konstrukteur in der Astrobranche werden will. (Wen das Thema näher interessiert, der kann mich gerne dazu befragen oder im Internet recherchieren, aber Achtung das ist eine von den never ending stories). Ich habe Glück und nach wenigen Minuten das Sigma Octantis Trapez in der richtigen Position im Polsucher und bin damit halbwegs genau im Süden. Bei den ganzen Problemen mit der AstroTrac Polsucherei ist das Einsüden aber nicht ausreichend genau für mehrminütige Belichtungen mit längeren Brennweiten. Ursprünglich wollte ich das Problem elegant mit WCS (WebCam Scheinern, einer sehr intelligenten Scheiner-Software eines Österreichers) lösen, doch das scheiterte daran, daß ich jedenfalls im Augenblick keine Möglichkeit fand einen Polsuche oder ähnliches mit der Webcam auf der Astrotrac zu montieren.

Mir fiel aber eine recht elegante Ersatzlösung ein. Mit der DSLR im Abstand von ein paar Minuten bei längerer Brennweite zwei kurze Aufnahmen machen und durch Hin-und-Her-Schalten vergleichen, dann ist zu sehen in welche Richtung der Stern auswandert. Also Stern im Norden am Meridian in größerer Hoche eingestellt und los geht es. Nach ein paar Minuten sehe ich einen nach Süden auswandernden Stern. Was dann kam, war geistige Umnachtung in höchster Vollendung. 1000 mal gelesen x mal vorgetragen: wandert der Stern nach Süden aus, so heißt das auf der Südhalbkugel die Montierung steht zu weit im Westen, also Azimut nach Osten verstellen. Was mache ich Esel? Ich schraube in der Folge eineinhalb Stunden an der Höhenverstellung herum und bekomme natürlich den Drift nicht weg. Bis mir spät aber doch die Erleuchtung kommt, daß es wohl klüger wäre an den Azimutschrauben zu drehen. Hoffentlich kein Zeichen eines vorzeitigen Einsetzens von Altersdemenz.

Als ich dann wieder durch den Polsucher am Südpol Maß nehme stehen rund um das Kreuz des Südens nicht nur einer sondern mehrere und auch größere Kohlensäcke, wie riesige Dunkelwolken, nur der Wortteil „Dunkel-„ ist zuviel. Es handelt sich schlicht um Wolken. In Namibia ist die Hintergrundhelligkeit des Himmels heller als die Unterseite von Wolken, denn es gibt kein Streulicht, das Wolken von unten anstrahlen würde und so sind sie vom Boden gesehen aus pechschwarz. Hätten wir nur über Wien solche Wolken anstatt des orangen Leuchtens. Da es inzwischen ein Uhr nachts geworden ist, gehe ich etwas frustriert schlafen. Die anderen machen noch bis vier Uhr weiter, auch wenn sich immer wieder die Wolken störend bemerkbar machen und so manche Aufnahme zerstören. Am nächsten Tag wälzen wir dann kurz Pläne E.E. Barnards Katalog der Dunkelwolken um die Subgruppe „Large Moving Dark Clouds“ zu erweitern.

4./5.7.:

Der 5.7. wird  mir auf dieser Reise als der Black Thursday in Erinnerung bleiben. Übrigens der berühmte Black Friday war nur in Europa ein solcher, denn in Amerika war es noch Donnerstag, als es zum Börsencrash kam. Das Handy reißt mich knapp nach 8 Uhr mit der Hiobsbotschaft meiner Autowerkstätte aus dem Bett, daß ein heftigerer Motordefekt in vierstelliger Preisklasse mit einigem mehr als einer eins davor vorliegt. Astronomie war die indirekte Ursache, denn ich war mit Christoph und Monika am Donnerstag vor unserer Abreise nach Großmugl unterwegs, wo wir beim Verein Keltenberg Sternwarte einen Vortrag über unsere Polarlichtreise halten sollten. Auf dem Weg dorthin verlor ich plötzlich das gesamte Kühlwasser und das war es dann.

Nach einem geruhsamen Tag auf der Farm sollte sich das Pech am Abend fortsetzen. Ich habe mir für heuer eine interessante Beobachtungsaufgabe gestellt, nämlich Sternentstehungsgebiete in drei Spektralbereichen zu fotografieren. Zunächst im Luminanzkanal, um ein Referenzbild im Visuellen zu haben, dann eine Halpha-Aufnahme, denn in Sternregionen gibt es bekanntlich viele HII-Regionen, aus denen die Sterne entstehen, und schließlich eine Aufnahme im nahen Infrarot oberhalb von 800nm, denn in Sternentstehungsgebieten gibt es noch viel Staub, der die jungen Sterne verdeckt. Infrarot kann aber den Staub durchdringen, je längerwellig umso mehr, und die noch verdeckten Sterne sichtbar machen. Eine reizvolle Aufgabe, die schon mehreren Amateuren gelungen ist.

Erstes Objekt meiner wissenschaftlichen Begierde ist im Sternbild Ara NGC 6188-93. NGC 6188 ist ein rund 4.000 Ly entfernter Emissionsnebel und NGC 6193 ein ganz in der Nähe gelegener offener Sternhaufen mit 15´ Durchmesser und 5,2 mag, dessen starke Strahlung zu Reflexionsnebelgebieten in NGC 6188 führt. Zunächst läuft alles wie am Schnürchen. Camera hochfahren, Autoguider kalibrieren und das Bildfeld festlegen. Als ich nach ca. einer Stunde wieder auf die Sternwarte komme sind die ersten 10 Bilder im Luminanzkanal einwandfrei, doch  die folgenden Halpha-Aufnahmen sind nicht geguidet, denn der Autoguider hat den Leitstern nach dem Wechsel auf das Halpha-Filter verloren. Das kann vorkommen. Da das Teleskop schon tief im Westen angekommen ist, schlage ich um und damit beginnen die Zores dieses Abends. Der Autoguider verweigert beharrlich das Kalibirieren. Alles was CCDSoft an Meldungen zu diesem Thema zu bieten hat, bekomme ich im Laufe der Zeit zu sehen. Ich kann tun was ich will. Der Autoguider kalibriert ums Verrecken nicht. Obwohl es kalt ist wird mir immer heißer und die Gedanken, die mir durch den Kopf schießen, will ich lieber nicht wiedergeben. Schön müssen die Zeiten gewesen sein, in denen man durch ein Teleskop „nur“ durchgeschaut hat. Da konnte das alles nicht passieren. Frustriert, wütend und ausgefroren gebe ich gegen ein Uhr Nacht w.o. und gehe schlafen.

5./6-7.:

Einer der großen Vorteile von Hakos liegt darin, daß sich ständig sehr versierte und  erfahrene Amateurastronomen dort aufhalten. Hat man wirklich einmal ein Problem, so findet sich fast immer einer, der auch eine Lösung dafür weiß. So auch in meinem Fall der Verweigerung des Autoguiders zu kalibrieren. Christoph ist sowieso unser PC- und Software-Guru und das deutsche Ehepaar Claudia und Horst, schon zum dritten Mal mit uns gemeinsam auf Hakos, verwenden ebenfalls CCDSoft und kennen so manche Tücken des Programms. Die Ursache meines hartnäckigen Problems lag vor allem darin, daß sich CCDSoft leicht verwirren läßt, wenn beim Kalibrieren mehrere Sterne im Bild sind. Überdies reagiert CCDSoft auch recht empfindlich auf eine schwankende Sternhelligkeit. Als ich dann am Abend gezielt darauf sehe, daß möglichst nur ein Stern im Bildfeld steht und mich auch mit der Belichtungszeit etwas spiele, klappt alles wieder. Trotzdem werde ich in Zukunft Christophs Rat befolgen und die SBIG mit MaximDL steuern. Denn im Gegensatz zu MaximDL wird CCDSoft schon seit einigen Jahren nicht mehr weiterentwickelt und bietet auch nicht so viele durchdachte und sinnvolle Features wie MaximDL. Vor allem aber lassen sich nahezu alle Cameras mit MaximDL steuern, so auch meine QHY, deren mitgeliefertes Steuerprogramm spartanisch und instabil ist. Auf längere Sicht sicher die bessere Lösung für alle Cameras nur ein Programm beherrschen zu müssen.

So komme ich heute endlich dazu NGC 6188-93 im Visuellen, in Halpha und im nahen IR aufzunehmen. Kurz habe ich erwogen statt des Luminanzfilters und des Astronomik ProPlanet 807 das V- und Is-Filter aus dem UBVRI-Satz zu nehmen, doch sind diese Filter dicker als die Astronomik-Filter und daher mit diesen nicht homofokal, was zusätzlichen Fokussieraufwand bedeutet hätte. Bereits ein erster schneller Vergleich der Rohaufnahmen im Luminanzkanal und im IR zeigt, daß im IR im Staub versteckte Sterne sichtbar werden. Abgesehen davon läßt sich durch den Vergleich der Helligkeiten der Sterne in den beiden Spektralbereichen, wenn auch nur sehr grob, der Spektraltyp bestimmen. Sterne, die im IR schwächer sind müssen ihr Strahlungsmaximum im blau-weißen Bereich haben. Umgekehrt müssen im IR heller strahlende Sterne ihr Maximum im Roten haben. Oder es handelt sich um ganz junge noch vom Staub verhüllte Sterne, die zwar eher heiß sind und im blau-weißen Bereich strahlen, wobei aber dieses kurzwellige Licht vom Staub absorbiert wird und daher nur das langwellige (infra)rote Licht den Staub durchdringen kann.

Es ist schon interessant, wie leicht man heute bereits mit Amateurausrüstung in astrophysikalische Bereiche vordringen kann. Ich bin schon neugierig, was sich dann zu Hause nach dem Kalibrieren und Stacken der Aufnahmen noch alles herauslesen läßt.

So nebenbei, während die Aufnahmen laufen, beginne ich die Astrotrac mit der DSLR einzuscheinern.

Heute Abend war es erstmals richtig kalt und vor allem sehr windig, was sich auch auf die Qualität der Aufnahmen auswirkte. Obwohl das C11 recht kurz ist und dem Wind nicht allzuviel Angriffsfläche bietet, machen sich bei über 1700mm Brennweite die Windboen schon in einem Drift von einigen wenigen Pixeln bemerkbar. In Kürze werde ich aber auf den Refraktor überwechseln, denn für die weiteren Objekte benötige ich ein größeres Bildfeld und daher auch eine deutlich kürzere Brennweite.

6./7.7.:

Tagsüber wechsle ich das C11 gegen den 4 Zoll William Refraktor, der mit dem Reducer auf nicht ganz 500mm Brennweite bei f5 kommt. Für die Objekte, denen ich mich in den nächsten Tagen widmen will, brauche ich ein größeres Bildfeld und dafür ist der Chip der SBIG 2000 am großen Gerät einfach zu klein. Während des Umbaues mache ich nebenbei noch die Darks und Flats für das C11. Dabei zeigt sich, daß beim Herunterkühlen der Chip zu vereisen beginnt. Ein Wechsel der Trockenpatrone bringt bis zum Abend Besserung.

In der neuen Konfiguration nehme ich nochmals NGC 6188-93 auf. Diesmal bekomme ich fast das ganze Riff aus Gas und Staub aufs Bild, wo das C11 nur einen kleinen Ausschnitt bot. Vor allem in Halpha bietet dieses Objekt einen fantastischen Anblick. Ähnlich wie beim Pferdekopfnebel beleuchtet das Licht des Sternhaufens NGC 6193 die Kante des Riffs von hinten, die dadurch aufleuchtet und im Kontrast mit der dichten Staubwolke nahezu einen Anblick in 3D bietet. Ich habe in der Nacht zuwenig Zeit, um die Halpha-Aufnahme mit den dann noch folgenden Aufnahmen im nahen Infrarot zu vergleichen. Ich bin mir aber ziemlich sicher, daß im Infrarot einige junge, noch im Staub versteckte Sterne zu sehen sein werden.

In Halpha und IR mache ich jeweils 10x10min, also fast 3 ½ Stunden ohne der notwendigen Vorbereitungszeiten für die erforderlichen Einstellungen. Nebenbei, soweit halt noch Zeit übrig bleibt, fotografiere ich auch noch auf der AstroTrac mit der DSLR. Ich komme aber immer mehr zur Einsicht, daß es vernünftiger ist sich nur einer Sache, aber dafür dieser voll zu widmen. Das gleichzeitige Tanzen auf mehreren Hochzeiten wird nämlich mit der Zeit nicht nur stressig, sondern man wird auch viel anfälliger für Fehler, wenn man die Konzentration auf zwei Dinge gleichzeitig verteilen muß. Und Fehler bei astronomischen Langzeitbelichtungen können rasch eine oder zwei zusätzliche Stunden an Zeit kosten, in namibischen Nächten ein kostbares Gut. Da ich nicht bis ins Morgengraue wach bleiben will, geht sich mit allem Drum Herum nur ein Objekt pro Nacht aus. Trotz dieser freiwilligen Selbstbeschränkung komme ich heute erst nach drei Uhr ins Bett.

7./8.7.:

Als ich am Nachmittag die Darks und Flats für die vergangene Nacht machen möchte, taucht neuerlich das Vereisungsproblem auf. Offenbar ist die Feuchtigkeit nicht aus der Camera zu bekommen. Ich werde mir morgen die Trockenpatrone im Backrohr ausbacken lassen, aber heute ist es dafür zu spät. Als Notlösung fotografiere ich daher heute mit einer Chiptemperatur von +5° statt der gewohnten -15°. Lästig, denn es erfordert einen zusätzlichen Satz an Darks und Flats.

Heute möchte ich den Katzenpfotennebel NGC 6334 aufnehmen, wiederum im Luminanzkanal sowie in Halpha und im nahen IR. Zunächst geht alles flott und problemlos. Nach den Luminanzaufnahmen muß ich etwas Zeit vergehen lassen, denn der Nebel nähert sich gerade dem Meridian. Auf der Westseite der Montierung stößt mir die Camera schon fast gegen die Säule und auf der Ostseite stehe ich bereits an der Säule an, bevor ich das Objekt erreiche. Während dann die IR-Aufnahmen laufen, fotografiere ich auf der AstroTrac ein Milchstraßenpanorama mit einem 16mm Weitwinkel. Das gibt am Vollformater eine Bilddiagonale von 180°. Als dann Halpha an die Reihe kommt, wird es haarig. Ich habe am Guidingsensor nur einen schwachen Leitstern und der scheint im Halpha besonders schwach zu sein, denn der Autoguider verliert ihn ständig. Alle Tricks und Kniffs helfen nicht. Ich muß auf morgen warten und die Katzenpfoten nochmals mit dem Teleskop auf der Westseite der Montierung fotografieren. Das ist der Haken der Selfguiding-Cameras. Der Guiding-Chip sitzt hinter den Filtern, sodaß Schmalbandfilter in der Regel nur wenige bis keine geeigneten Leitsterne übrig lassen. Andererseits würde ein Drehen der Camera den Bildausschnitt ändern und zusätzliche Flats erfordern. Die neueren Cameramodelle leiten daher das Licht für den Guidingchip bereits vor den Filtern aus. Eine andere Lösung ist es einen separaten Autoguider für solche Aufnahmen zu verwenden.

8./9.7.:

Wie sich dann am Abend zeigen wird, habe ich tagsüber das Feuchtigkeitsproblem mit der Camera in den Griff bekommen. Offenbar sind die Reservepäckchen Silicagel nicht gut genug verpackt gewesen und haben etwas Feuchtigkeit angezogen. Ich habe aber noch eine originale SBIG-Trockenpatrone versiegelt mit, die ich einsetze und damit ist dann das Problem endgültig behoben.

Am frühen Nachmittag macht Nando, ein italienisches IAS-Mitglied mit einer nie enden wollenden Begeisterung für Astronomie, mit uns eine Führung durch die Anlage der IAS. Neu sind ein Alluna 50cm RC in der Baader-Kuppel auf einer alten Zeiss-Montierung und das alte C14 nun steht in einer neuen Behausung auf einer massiven Liebscher Gabelmontierung.

Nach Einbruch der Dunkelheit fotografiere ich dann schnell den fehlenden Ha-Kanal des Katzenpfotennebels, solange der Schwanz des Skorpions noch weit genug östlich des Meridians steht.

Als nächstes Objekt wähle ich mir dann IC 4628 (NGC 6231) aus, genannt the Table of Scorpius oder Prawn Nebula. In rd. 5.000 Ly. Entfernung liegt der offene Sternhaufen NGC 6231 umgeben von der HII-Region IC 4628. NGC 6231 ist ein etwas über 3 Mio. Jahre alter und somit noch sehr junger Sternhaufen der Scorpius OB1 Assoziation (Spektraltyp O8) und enthält 3 Wolf-Rayet-Sterne. Der Sternhaufen ist auch als nördliches Schmuckkästchen bekannt. Über das ganze Bild verteilt sich der lockere offene Sternhaufen Collinder 316, ident mit Trumpler 24. Der Nebel selbst hat auch die Bezeichnung Gum 56. Die starke UV-Strahlung der jungen heißen Sterne heizt das Gas in der Umgebung auf und ionisiert es, sodaß es im typischen Halpha-Rot strahlt.

Als ich mir dann einen Leitstern zum Guiden suche platzt mir der Kragen. CCDSoft spinnt sich am Leitstern wieder einmal aus bis es mir reicht. Jetzt ist es endgültig soweit. Ich opfere die nächsten 2 Stunden und lerne, teilweise von Christoph unterstützt, die Camerasteuerung mit MaximDL. Dann klappt alles einwandfrei. Ich hätte schon zuhause auf ihn hören und mich gar nicht mehr auf das Spiel mit CCDSoft einlassen sollen. Bis ich dann Luminanz und Halpha auf der Festplatte habe ist es weit nach drei Uhr morgens. Recht müde falle ich ins Bett, aber es hat sich gelohnt. Beim Einschlafen denke ich an die Pläne für morgen: die fehlenden IR-Aufnahmen von IC 4628 und dann den Adlernebel, auch wenn ich jetzt schon weiß, daß ich mit vier Zoll und vom Erdboden aus die Hubble-Auflösung wohl nicht ganz erreichen werde.

9./10.7.:

Am Nachmittag macht uns recht starke Bewölkung Sorgen. An und für sich ist das Wetter recht gut, aber für diese Zeit zu warm und dadurch entstehen leichter Wolken. Am Abend wird es dann doch etwas besser, aber die Transparenz läßt sehr zu wünschen übrig. Christoph und Mike nehmen ihre Teleskope gar nicht in Betrieb. Ich bin optimistischer. Während der Abenddämmerung sind die 1,5 Tage alte Mondsichel und Venus zu sehen.

Zunächst nehme ich heute den noch fehlenden IR-Kanal von IC 4628 auf, bevor ich mich dem Adlernebel zuwende, um meine eigenen Pillars of Creation zu kreieren. Als ich nach den Luminanzaufnahmen die Halpha-Sequenz vorbereite, bekomme ich Probleme beim Autoguiden. Immer wieder geht der Leitstern verloren. Sollte MaximDL hier ebenfalls problematisch sein? Des Rätsels Lösung: Astronomen sollten nicht nur auf den Monitor ihres PC blicken, sondern gelegentlich auch auf den Himmel. Dann hätte ich früher bemerkt, daß Bewölkung aufgezogen und die Transparenz schlecht geworden ist. Nach etwas Warten gebe ich für heute Nacht w.o., denn mit den ständig durchziehenden Wolken ist es ein nicht sehr sinnvolles Vabanquespiel mit schlechten Karten. Nur die Zeit wird halt langsam knapp. Ich sehe es positiv. So kann ich wenigstens den versäumten Schlaf der letzten Nacht nachholen.

10./11.7.:

Heute ist es fast wieder das Gleiche. Gegen Abend ziehen Wolken auf und verdecken immer wieder die schmale Mondsichel und die auf nahezu gleicher Höhe stehende Venus, mit den Wolken allemal ein schönes Motiv. Vorher gab es noch bei Sonnenuntergang schöne Sonnenstrahlen an einer Wolkenkante zu bewundern.

Nach dem Abendessen sind zunächst einmal nur vereinzelt Sterne zu sehen. Doch Geduld lohnt sich, denn gegen 22 Uhr sind die Wolken weg, auch wenn die Transparenz nicht berauschend ist. Es läßt sich arbeiten. Da der Schwanz des Skorpions bereits im Bereich des Meridians ist, wähle ich NGC 6357 für heute Abend aus, denn da muß ich während der Aufnahme nicht umschlagen und das spart Zeit, die heute sowieso knapp ist.

NGC 6357 ist ebenfalls eine ca. 8.000 Ly. entfernte Sternentstehungsregion, in der der offene Sternhaufen Pismis 24 liegt (Paris Pismis war eine Astronomin armenischer Abstammung; die am Observatorium Tonantzintla bei Puebla in Mexico arbeitete). Der Nebel trägt auch den Namen „War and Peace Nebula“. Die Bezeichnung leitet sich von einer Infrarotuntersuchung ab, denn in den Infrarotbildern sieht der westliche Teil wie eine Taube und der östliche wie ein Totenkopf aus. Der Nebel enthält viele junge noch in Gas und Staub (im Fachenglisch „expanding cocoons“ genannt) eingehüllte Sterne.

Pismis 24 enthält viele massive junge OB-Sterne mit vielfacher Sonnenmasse (bis 74x), die extrem heiß sind (30.000 bis 42.000° K). Pismis 24-1 galt lange mit 200-300 Sonnenmassen als der schwerste Stern der Milchstrasse, bis sich nach Beobachtung mit dem Hubble herausstellte, daß es sich dabei um ein Doppelsternsystem, möglicherweise sogar um ein Dreifachsystem handelt.

Schon im Luminanzkanal ist viel vom Nebel zu sehen, Halpha enthüllt dann viele Details und zeigt zahlreiche feine Gasfilamente. Glück habe ich diesmal auch, denn der gewählte Leitstern scheint stark in Halpha zu strahlen – beim Einschwenken des Filters tritt kein nennenswerter Helligkeitsverlust auf und der Autoguider führt problemlos weiter nach. Unter Astrofotografen heißt es ja „Leidstern“ und nicht „Leitstern“, aber manchmal findet man wirklich Leitsterne.

Als ich mit den Belichtungsreihen fertig bin ist es bereits gegen ein Uhr, aber es wäre schade jetzt schon Schluß zu machen. Nur ein zweites Objekt in dieser Nacht heißt bis ca. vier Uhr durchzumachen. Nachdem ich gestern bei M 16 abbrechen mußte, beschließe ich diese Aufnahmereihe fertigzustellen. Alles läuft wie am Schnürchen, aber es dauert halt seine Zeit und so wird es nach vier bis ich ins Bett komme. In den Morgenstunden muß ich bereits recht kräftig gegen den Schlaf ankämpfen.

11./12.7.:

Nach einem geruhsamen Tag – ich mache tagsüber nur die Flatfields für die Aufnahmen der letzten Nächte mit dem Refraktor – zeigt sich, daß die Entscheidung die letzte Nacht durchzumachen richtig war, denn am späteren Nachmittag ziehen Wolken auf und bei Einbruch der Dunkelheit ist es praktisch zu. Nur ganz vereinzelt sind ein paar Sterne zu sehen. Keine Bedingungen für die Astrofotografie. Somit fällt erstmals auf meiner bereits siebenten Namibiareise eine Nacht dem Wetter zum Opfer. Eine interessante Beobachtung ermöglichen jedoch die Wolken. Ohne Sternenlicht ist es in der Nacht wirklich stockdunkel. Normalerweise kann man auf Hakos in einer mondlosen aber sternenklaren Nacht ohne Licht im Freien gehen, wenn man dunkeladaptiert ist. Heute ist eine Stirnlampe notwendig. Daß mangels Streulicht von unten namibische Wolken in der Nacht fast unsichtbar schwarz sind, wissen wir schon von früheren Besuchen. Nur wer das noch nicht gesehen hat, glaubt, daß es so wie bei uns in Europa natürlich ist, daß Wolken in der Nacht hell und leider nur allzu oft auch orange erscheinen.

12./13.7.:

Obwohl wir erst am Samstag den 13. Juli am Nachmittag von Windhoek abfliegen haben wir beschlossen schon am Freitag nach Windhoek zu fahren, denn die Nacht auf den 13. ließe sich wegen des Abbaues der Geräte sowieso astronomisch nicht mehr nutzen. Das hat aber den Vorteil, daß wir einer weiteren Tradition folgend wieder in Joe´s Beerhouse zu Abend essen können. Bevorzugte Speise ist das Zebrasteak. Samstag vormittags haben wir dann noch knapp drei Stunden Zeit, um durch Windhoek zu streifen und einige Mitbringsel zu erwerben.

13./14.7.:

Um 15:10 Uhr heben wir mit SAA von Hosea Kutako, Windhoeks Flughafen, in Richtung Johannesburg ab, wo wir dank starken Rückenwindes bereist nach 1 ½ Stunden ankommen. Gegen 20:00 Uhr startet dann unser Airbus 340 und bringt uns in etwas mehr als 10 Stunden zurück nach München. Dann ist uns das Glück hold. Da wir nicht wußten welchen Zug wir erreichen werden haben wir keine Plätze reserviert und der Zug von München nach Budapest ist bummvoll. Zusätzlich ist auch noch das elektronische Reservierungssystem ausgefallen. Aber: in der ersten Klasse sind noch sechs Plätze frei und der deutsche Schaffner läßt uns zunächst bis Salzburg diese ohne Aufzahlung benützen und dann ebenso auch der österreichische Schaffner. So kommen wir sehr bequem nach Wien zurück.

Worüber gibt es sonst noch etwas zu berichten?

Das Wetter:

Bis auf zweimal im Mai absolvierte ich alle meine Hakos-Aufenthalte im Juli bzw. 2012 anfangs August. Noch nie war es im Juli so warm wie heuer. Auch Waltraud und Friedhelm bestätigen uns die Ungewöhnlichkeit dieses Wetters. Auf der einen Seite angenehm, denn wir haben hier schon gelernt, wie kalt es sein kann. Es ist kein größeres Vergnügen, wenn bei Nachttemperaturen um den Gefrierpunkt und darunter ein kalter Wind bläßt und man dann in den frühen Morgenstunden ausgefroren in ein eiskaltes Bett kriecht, das man erst einmal aufwärmen muß. Dafür macht die morgentliche Kälte im Zimmer dann rasch munter.

Die heuer abgesehen von 2 Tagen deutlich wärmere Wetterlage machte sich jedoch mit schlechterer Transparenz und häufigeren Wolken bemerkbar. Aber alles in allem: wir jammern hier auf hohem Niveau. Möge Gott nur geben, daß das Wetter in Österreich nie schlechter wäre.

Die Leute:

Über die immer wieder gelebte Gastfreundschaft der Familie Straube zu referieren hieße die berühmten Eulen wieder einmal nach Athen zu tragen. Abermals ein großes Dankeschön dafür, daß ihr uns unseren Aufenthalt bei euch so angenehm und schön gemacht habt. Die ruhige und entspannte Atmosphäre auf Hakos ist immer auch eine wohltuende Flucht vor der meist völlig unnotwendigen Hektik unseres überzüchteten Hitec-Lebensstils. Auf Hakos lernt man schnell wieder, wie schön schlichte Einfachheit sein kann. Das neue Modewort heißt ja „Entschleunigen“ und das kann man in Hakos hervorragend.

Zu unserem Termin war Hakos recht international besetzt. Wie immer ist eine größere Gruppe der IAS da, teilweise einige, die wir schon von früheren Besuchen kennen, so das italienische IAS-Mitglied Nando, ein Mensch mit einer endlosen Begeisterung für die Astronomie. Sein Spezialgebiet ist die fortgeschrittene Spektroskopie zur Gewinnung wissenschaftlich wertvoller Daten. Seine Einstellung zur klassischen Astrofotografie der Pretty Pictures: „Das macht man, damit die Frau zuhause was Schönes zum Ansehen hat und die Kosten der Reise nach Namibia goutiert, denn von den wissenschaftlich wertvollen Daten der Spektroskopie verstünden die Frauen sowieso nichts und Spektralkurven sind auch nicht so schön anzusehen.“

Der zweite Gast aus weiter Fremde ist Adrien, ein Kanadier englischer Abstammung, der als IT-Spezialist an der kanadischen Botschaft in Kabul/Afganistan arbeitet. Ebenfalls ein Astronomiebesessener, denn am Dach des Botschaftsgebäudes betreibt er nächtens in kakifarbener Splitterschutzweste Astronomie in Gesellschaft von zwei Scharfschützen der Botschaftssecurity, Eine Mio. USD werden monatlich alleine zum Schutz der Botschaft aufgewendet und nach Bombenexplosionen sind schon abgerissene Körperteile am Botschaftsdach gelandet. Unter welch glücklichen Bedingungen ist es uns gegönnt Astronomie zu betreiben, sei es in Österreich oder Namibia. Da relativieren sich unsere heimischen Wetterprobleme oder sommerliche Gelsenangriffe auf der Sophienalpe. Man lernt daraus: auch in der Astronomie ist es gut hie und da über den Zaun des eigenen Schrebergärtchens zu schauen.

Schließlich ist auch noch ein dänischer Amateurastronom namens Jens eine Zeit lang gemeinsam mit uns Gast auf Hakos.

Ebenfalls aus Deutschland, aber keine IASler ist das Ehepaar Horst und Claudia, auch schon mehrmals mit uns zeitgleich auf Hakos, die sich mit Leib und Seele sowohl zuhause als auch in Namibia der Astrofotografie hingeben. Es ist unmöglich zu entscheiden, wer von den beiden der Enthusiastischere ist. Für den Außenstehenden ist es schön zu sehen, wie sie beide gemeinsam in diesem Hobby aufgehen. Auch sie beschäftigen sich mit dem Projekt der Errichtung einer eigenen Sternwarte auf Hakos.

Woher sie auch kommen mögen, die Amateurastronomen, eines ist ihnen allen gemeinsam. Sie sind durch die Bank nette, zugängliche und freundliche Menschen, gegenseitige Hilfestellung ist selbstverständlich und Bescheidenheit steht mehr im Vordergrund als Egotrip. Schon seit längerem erkläre ich mir dieses Phänomen damit, daß Astronomen durch ihre Tätigkeit eine andere Einsicht in die Größe und Allmacht des Kosmos gewinnen, vor allem daß sie erkennen, wie klein und unwichtig wir in diesem großen Zusammenspiel der Zahnräder des Universums sind. Das macht bescheiden und stimmt milder und gnädiger gegenüber anderen.

IAS:

Wir schon vorher berichtet ist die Station Hakos nun gut ausgerüstet mit drei Geräten der 50cm-Klasse (ein klassisches Cassegrain und ein Ritchey-Chretien) , der Astrokamera AK3 in einer englischen Rahmenmontierung (die Polachse wird nicht von einer Säule getragen, sondern ruht an ihren Endpunkten auf zwei massiven Fundamenten) einem C14 (35cm) und einer Reihe kleinerer mobiler Geräte.

Die Anlage am Gamsberg ist nun im Vollbetrieb mit einem 71cm-Newton-Spiegel und einem 16 Zoll Hypergraphen von Phillip Keller. Eine Sache für absolute Hardcore-Astronomen, denn man ist Selbstversorger, wohnt in den vom MPI der IAS überlassenen und renovierten Hütten und schläft im Schlafsack. Aus Sicherheitsgründen gestattet die IAS die Nutzung der Anlage am Gamsberg nur zu zweit, denn in der Abgeschiedenheit kann man alleine leicht in eine Notsituation ohne Aussicht auf rasche Hilfe kommen. Jedenfalls hat man mobile Funkverbindung und eine eigene Funkverbindung zur Farm Hakos. Nur das Essen wird nicht hinauf serviert. Das muß man sich selbst kochen.

WAA:

Christoph und ich sind ja schon seit einigen Jahren das Standard-Hakos-Team der WAA, früher noch gemeinsam mit Wolfgang Weiser, der nun aus Sehnsucht nach anderen Objekten auch andere Jahreszeiten für Hakos-Reisen bevorzugt. Heuer ist durch sechs Reiseteilnehmer auch das astronomische Spektrum breiter geworden, da jeder andere Schwerpunkte setzt. Christoph, sein Bruder und Monika fotografieren mit Astrographen und astronomischen CCD´s. Georgs Schwerpunkt liegt auf der Fotografie mit der DSLR und das nicht ausschließlich astronomisch. Markus wiederum fröhnt der visuellen Astronomie mit nahezu den gesamten auf Hakos angebotenen Geräten von Intercon-Spacetec, beginnend mit einem 16 Zoll Go-To-Dobson, dem 24 Zoll Dobson und dem Fujinon 25x150 Fernglas.

Fazit:

Wie jedes Jahr so auch heuer war Hakos ein Erlebnis, das keiner von uns missen möchte. Für mich persönlich war es ein markanter Einschnitt in meiner astronomischen Entwicklung. Nach Jahren der visuellen Beobachtung und der Pretty-Picture-Fotografie habe ich umgeschwenkt in die Richtung der beobachteten Astrophysik, zunächst einmal mit dem heurigen Programm „Sternentstehungsgebiete“. Es erfordert viel Zeit und genaues Arbeiten. Viel Neues ist dazuzulernen und „Multitasking“ ist nicht mehr die empfehlenswerte Arbeitsmethode. Mehrere Cameras gleichzeitig zu betreiben wird zum Hindernis. Nicht mehr die Anzahl der Objekte sondern die Qualität der gewonnenen Daten steht im Vordergrund. Da habe ich heuer noch deutlich gemerkt, daß ich erst ganz am Anfang dieser Entwicklung stehe. Eine zusätzliche Hürde waren die in diesem Jahr doch etwas zu oft aufgetretenen und zeitraubenden technischen Probleme. Aber die Erkenntnis macht Freude, daß da nahezu unendliches Potential für die nächsten Jahre vor mir liegt.

Wir kommen heim mit der Vorfreude auf Hakos 2014. Es wäre schön, käme die für 2014 geplante offizielle WAA-Reise tatsächlich zustande.

PS: Natürlich gibt es wieder jede Menge an Fotos. Aus technischen Gründen werde ich diese in Kürze in einem gesonderten Bericht veröffentlichen.



Wiener Arbeitsgemeinschaft für Astronomie.
www.waa.at